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Meine 500 besten Freunde

Meine 500 besten Freunde

Titel: Meine 500 besten Freunde
Autoren: Johanna Adorján
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würde.
    Weil die Geschwindigkeit der Schritte auf dem Flur allerdings nur den Schluss zulässt, dass seine Frau aktuell unter hohem Stress steht, öffnet er die Badezimmertür so leise wie möglich und will eben von ihr unbemerkt über den Flur ins Schlafzimmer huschen, um sich dort seine Garderobe für den Abend zusammenzustellen, als das Telefon klingelt, das im Wohnzimmer steht. Auf dem Festnetzapparat gehen selten Anrufe ein. Luca, Luises sechzehnjähriger Sohn, der seit zwei Jahren ein Internat am Bodensee besucht, nutzt das Handy seiner Mutter, wenn er etwas will. Ganz selten, wenn Mutter und Sohn gestritten haben, was in letzter Zeit häufiger vorkommt, schreibt Luca Theodor, von ihm Theo genannt, eine E-Mail. Seit Theodors Mutter gestorben ist, ruft eigentlich nur noch Ludmilla auf dem Festnetztelefon an, die ukrainische Putzfrau, die kaum Deutsch spricht, weshalb sich die Gespräche auf das Nötigste beschränken. Aber sie war erst am Vortag bei ihnen, unwahrscheinlich also, dass sie es ist.
    Er hört, wie seine Frau im Nebenzimmer an den Apparat geht. Einen Moment später ruft sie nach ihm. Als er das Wohnzimmer betritt, weicht sie seinem fragenden Blick aus, als hätte er etwas falsch gemacht (aber was?). Er nimmt den Hörer und nennt seinen Namen. Am anderen Ende der Leitung ist Marius Meynhardi, ein jüngerer Kollege aus dem Lokalteil, dessen Berichterstattung über die Berliner Gesellschaft Theodor für aufgeblasen und substanzlos hält. Er habe seine Nummer über die Zentrale, hoffe, er störe nicht und wolle fragen, ob Theodor, den er im Übrigen siezt, ihn zur Preisverleihung mitnehmen könne, sein eigener Wagen sei in der Werkstatt und mit dem Taxi sei es, wie er eben gesehen habe, doch ganz schön weit. Theodor sieht keine Möglichkeit abzulehnen, und sagt also, das sei überhaupt kein Problem. Sie vereinbaren, dass Theodor und seine Frau ihn in einer halben Stunde an der Redaktion abholen, wo Meynhardi noch an einem Text für die morgige Ausgabe sitzt. Nachdem er aufgelegt hat, ist die »Eroica« aus Theodors Kopf verschwunden. Im Eilschritt steuert er das Schmert er dalafzimmer an, höchste Zeit sich anzuziehen. Seiner Frau zwinkert er zu, als er im Flur an ihr vorbeieilt, wo sie gerade vor dem Spiegel ihre Ohrringe verschließt. Bis auf dieses Detail scheint sie ausgehfertig, was Theodor seine Schritte noch einmal beschleunigen lässt.
    In den kommenden Minuten zieht sich Theodor, nachdem er den Bademantel hat zu Boden sinken lassen, Unterwäsche, ein weißes Hemd und Strümpfe an und probiert dann nacheinander drei verschiedene Anzüge, einen schwarzen, den er als zu schick, einen dunkelblauen, den er als zu bieder und einen braunen, den er als zu sportlich verwirft. Er erinnert sich, irgendwo im Schrank noch einen anthrazitgrauen … Weil seine Frau nun aber zum dritten Mal zur Eile mahnt, zieht er schließlich doch den schwarzen an (besser zu schick als nicht!) und sucht dann unter seinen etwa sechzig Krawatten eine aus, die ihm als legeres Gegengewicht erscheint, eine hellrosa-grün gestreifte. Als seine Frau ihn damit sieht, sagt sie, er sehe aus wie ein Geschenk. Weil jetzt aber wirklich keine Zeit mehr zum Wechseln ist, bleibt er wie er ist, behält sogar die einmal gewählten Strümpfe an, die dunkelblau sind, was zu einem schwarzen Anzug natürlich ein Verbrechen ist, und nimmt sich fest vor, den ganzen Abend lang keinmal im Sitzen die Beine übereinanderzuschlagen. Zum Glück hatte er die schwarzen Lackschuhe bereits herausgestellt, um sie von Ludmilla putzen zu lassen (eine Dienstleistung, an die eher sie die Quasts gewöhnen musste als umgekehrt), er muss also nur noch hineinschlüpfen, bevor er seiner Frau hinterhereilen kann, die schon im Treppenhaus ist, wo sie der hohen Absätze wegen glücklicherweise recht langsam vorankommt.
    Du siehst wunderschön aus, sagt er zu ihr und findet das wirklich, wenngleich er sie am liebsten gebeten hätte, ihre Brille vielleicht doch noch schnell gegen Kontaktlinsen zu tauschen, doch weil sie bisweilen empfindlich reagiert, unterlässt er es. Und du wie ein Geschenk, sagt sie noch mal, und er umarmt sie kurz von hinten, denn wer weiß, vielleicht meint sie es ja als Kompliment.
    Nur fünf Minuten später als vereinbart erreichen sie das Redaktionsgebäude, einen stattlichen, im früheren Ostteil der Stadt gelegenen Klinkerbau, vor dem Meynhardi schon wartet. Theodor registriert überrascht, dass er einen Hut trägt, und zwar einen Borsalino,

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