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London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out

London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out

Titel: London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out
Autoren: Oliver Harris
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Was ist denn mit Ihnen passiert?«
    »Hab ’ne kleine Runde im See gedreht. Fühl mich wie neu geboren.«
    »Schon klar, Inspector.« Die Brüder grinsten schüchtern und tippten seine Einkäufe ein.
    »Zum Inspector hab ich’s noch nicht gebracht.«
    »Stimmt, Chef.« Die Ladenbesitzer schauten ihm nicht in die Augen. Wenn sie wegen seines lädierten Gesichts besorgt waren, so verkniffen sie sich Fragen danach. Belsey nahm das Wechselgeld, holte tief Luft und ging auf der Pond Street zum Polizeirevier.
    Die meisten Reviere in London waren in modernen Be tonklötzen untergebracht. Das in Hampstead nicht. Der rote, viktorianische Backstein des Reviers am Rosslyn Hill strahlte Bürgerstolz aus. Oberhalb lag die denkmalgeschützte Behäbigkeit des Dorfes, und am Fuß des Hügels begann der schmutzige Häuserbrei von Camden. Belsey setzte sich gegenüber auf die Bank der Bushaltestelle und beobachtete, wie nach und nach die Leute von der Spätschicht, übernächtigt und geschafft, das Revier verließen. Um acht trudelten die Ersten für den Morgenappell ein. Er wartete noch fünf Minuten und überquerte dann die Straße.
    Die Gänge waren leer. Belsey ging zu den Spinden. Dort hing der Erste-Hilfe-Kasten, und er nahm eine Packung Para cetamol, eine Mullbinde und ein Fläschchen Jod heraus. Dann holte er einen verbogenen Regenschirm aus dem nächsten Abfalleimer und brach damit die Tür seines Spindes auf: eine Ersatzkrawatte, eine abgegriffene Ausgabe von Der Goldene Zweig und eine dünne, grüne Bibel, die er bei seinem letzten Hotelaufenthalt hatte mitgehen lassen, aber kein zweites Paar Schuhe und auch kein zweites Hemd. Belsey ging in den Korridor zurück und erstarrte. Ein paar Meter vor ihm betrat sein Chef, Detective Inspector Tim Gower, die Kantine. Belsey zählte bis fünf, ging an der Kantine vorbei, die Treppe hoch ins leere Büro des CID, des Criminal Investigation Departments, und setzte sich an seinen Schreibtsich.
    Er ließ das Licht aus und die Jalousien unten und nahm sich das Verbrechensprotokoll der letzten Nacht vor. Eine Schlägerei in einem Döner-Laden, zwei Einbrüche, ein Vermisster. Kein Belsey. Er suchte seine Polizeimarke und seinen Dienstausweis und fand beides in einer Schreibtischschublade: E II R , Metropolitan Police , ein silberner Stern mit einer Krone. Das war also übrig von ihm.
    Er schaltete den Computer ein, überprüfte den demolierten Streifenwagen und fand heraus, dass er zum Revier Kentish Town gehörte. Er rief dort an.
    »Nick Belsey hier, Hampstead CID. Einer von euren Wagen steht auf dem East-Heath-Parkplatz … Nein, steht noch da … Weiß ich nicht … Danke.«
    Belsey ging in den Waschraum, schloss ab und zog sich bis zur Hüfte aus. Er musterte sein Gesicht. Eine getrocknete Blutspur verlief von seinem linken Nasenflügel über die Lippen bis zum Kinn. Er strich über das Blut. Wahrscheinlich nur eine oberflächliche Verletzung, abgesehen von der aufgeplatzten Lippe, mit der er leben konnte. Das rechte Ohr war übel abgeschürft, und der rechte Wangenknochen tat weh, wenn er ihn berührte, war aber nicht gebrochen. Verästelte dunkelblaue Flecken zogen sich über seine Brust und seine rechte Schulter. Er wusch die Wunden aus und spuckte die Überreste eines abgebrochenen Zahns aus. Er sah »aufgedreht« aus, älter und gleichzeitig jünger als seine achtunddreißig Jahre. In seine glanzlosen Detective-Augen kehrte langsam das Licht zurück. Belsey zog die Hose aus und klopfte mit nassen Händen den gröbsten Dreck ab. Für die verschmutzte Anzugjacke brauchte er mehr Wasser. Er hängte sie zum Trocknen auf, zog die Hose wieder an und ging zurück ins Büro. Unter den Schreibtischen seiner Kollegen suchte er nach trockenen Reserveschuhen, fand aber keine.
    Die Telefonzentrale hatte eine Liste mit Nachrichten für ihn hochgeschickt – Anrufe, die in den letzten paar Stunden eingegangen waren. Sie stammten von mehreren Personen, mit denen er schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte, von einigen entfernten Verwandten und von einem alten Kollegen. Du hast gestern Abend bei mir angerufen … Er erinnerte sich an keinen einzigen. An den Rändern seines Bewusstseins machte sich ein unbestimmtes Grauen bemerkbar.
    Er zog die Jalousie vor dem kleinen Fenster neben seinem Schreibtisch hoch. Die Nacht hatte sich verflüchtigt, der Himmel hatte eine stumpfe Farbe angenommen, schmale Wolken klebten am Himmel wie dreckiger Schaum auf Was ser. Belsey spürte, dass es ein

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