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London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out

London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out

Titel: London Killing - Harris, O: London Killing - Belsey Bottoms Out
Autoren: Oliver Harris
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hellen Augen auf der Straße: Siddiq Sahar, der noch am selben Tag heiraten wollte.
    »Mir gibt man kein Asyl, dir keinen Kredit«, sagte Siddiq grinsend. Das schien ihm nicht viel auszumachen. Er sagte, seine Papiere seien jetzt in Ordnung. Sie standen vor der abblätternden Fassade des Continental Hotels, Belsey in seiner Detective-Aufmachung, der Afghane in einer Fliegerjacke mit den Stars and Stripes auf dem Rücken. Weißes Sonnenlicht schien auf die vorbeifahrenden Autos und das Baugerüst der St. Pancras Station, auf den staubigen Gehweg und die dreckigen Schaufenster der Geschäfte. Sie hatten sich während des Monats, in dem Belsey in dem Hotel gewohnt hatte, ganz gut kennengelernt. Siddiq war über Moskau nach England gekommen. In Moskau war er Fremdenführer und in Afghanistan politischer Gefangener gewesen. Er trug seine Haare bevorzugt gegelt und kümmerte sich in London mit Vorliebe um weibliche Touristen.
    »Musst du heute zur Arbeit?«, fragte er.
    »Ich hab mir einen Tag freigenommen.«
    »Ich brauche einen Zeugen«, sagte er. »Einen Zeugen mit einem Anzug. Ich gebe dir fünfzig Pfund dafür.«
    »Einen Zeugen wofür?«
    »Für meine Hochzeit.«
    Die Braut war eine Slowakin aus Edgware, ein rothaariges Mädchen mit einem dreckigen Lachen, das zehn Jahre älter war als der Bräutigam. Sie gaben sich das Jawort im Rathaus von Marylebone, die Zeremonie führte eine Frau mit einem Klemmbrett durch. Belsey wollte das Geld nicht annehmen, aber da der Afghane darauf bestand, bezahlte Belsey den Champagner. Sie saßen gleich um die Ecke von Madame Tussauds in einer Touristenkneipe. Er hatte eigentlich nichts trinken wollen. Nachdem sie zu dritt vier Flaschen geleert hatten, zogen sie weiter in eine Bar, über der sich ein Lesesaal der Christian-Science-Kirche befand. Hier fand die Hochzeitsfeier statt. Das Paar schien sehr glücklich zu sein. Belsey fragte sich, ob es noch irgendeine Person gab, die ihm Geld leihen würde. Wenigstens so viel, dass es für ein Hotelzimmer reichen würde. Die Antwort war Nein.
    Jetzt stürmten die Erinnerungen auf ihn ein. Gegen neun Uhr abends war er auf der Trauerfeier für einen früheren Bekannten seines Vaters eingelaufen, einen Polizisten, der Hundeführer gewesen und bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben gekommen war. Männer von der Hundestaffel und der Drogenfahndung, alte Polizisten mit hohem Blutdruck und Börsenmaklerstimmen, drängten sich im Ten Bells in Waterloo, das in der Nähe des Hundeplatzes lag. Draußen war es schon dunkel. Er war inzwischen in einem Zustand, in dem jeder Augenblick automatisch in den nächsten überging und er nichts mehr falsch machen konnte. Er befand sich mitten in einem Abenteuer, an dessen Ende sich alles in Wohlgefallen auflösen würde. Belsey begrüßte lautstark Männer, die er kaum wiedererkannte, Männer aus seiner Kindheit, als sein Vater noch bei Scotland Yard gewesen war. Sie waren alt geworden. Eine kurzen, schrecklichen Augenblick lang sah er seine eigene Zukunft vor sich. Irgendwer bestellte Brandy.
    »Dein alter Herr war einer der Besten im Morddezernat, aber er fand nie den Weg nach Hause, wenn du weißt, was ich meine.« Nein, weiß ich nicht. Da wollte irgendwer mit ihm über seinen Vater reden. Was soll das heißen? Sie hatten einen Spürhund mitgebracht, dem jemand eine Trauerbinde um ein Bein gebunden hatte.
    »Er weint.«
    Alle lachten. Niemand weinte. Dann traf Chief Superintendent Northwood ein, der Polizeichef des Stadtbezirks. Er trug Paradeuniform und hatte ein gerahmtes Foto des Verstorbenen dabei. Im Schlepptau von Northwood stöckelte auf High Heels und mit platinblonder Turmfrisur seine Frau Sandra in den Raum. Sie war eine attraktive Frau in den Fünfzigern, die sich mit jeder Beförderung ihres Mannes eine wei tere Schicht brüchigen Glanzes zulegte. Northwood über ragte sie in erstarrter Selbstherrlichkeit. Seit einem Vorfall mit einem Feuerlöscher auf der Polizeischule in Hendon hasste er Belsey. Er hielt eine Rede.
    »Hunde sind das Herz der Polizei.«
    Einer sagte: »Er war ein Mann, der Hunde mehr liebte als das Leben.« Belsey brachte einen Toast aus. Er stand auf einem Stuhl. Musik spielte.
    »Genauso hätte Jim es gewollt.« Da waren sich alle einig, während sie sich volllaufen ließen.
    Dann tanzte Belsey mit Sandra Northwood und spürte ihren weichen, warmen Körper in seinen Armen. »Oh«, hauch te sie ihm ins Ohr und kicherte.
    »Ich kann mich gut an deinen Vater erinnern«,

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