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Jones, Diana Wynne

Jones, Diana Wynne

Titel: Jones, Diana Wynne
Autoren: 04 Die Krone von Dalemark
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1.
    Der Graf von Hannart kam zwei Tage vor Mittsommer nach Aberath. Sein Geschenk an die Gräfin war ein Porträt des Adons für ihre Sammlung. Da er auf Staatsbesuch anreiste, brachte er seinen Sohn und eine Reihe von Gefolgsleuten mit. Seine Ankunft verursachte eine große Aufregung, wie sie in Aberath nur selten herrschte.
    Ein großer Mann, der wie ein Schäfer gekleidet war, beobachtete das Treiben von hoch oben im Gebirge, wo die Grünen Straßen verliefen. Von seinem Posten hatte er nicht nur auf den belebten Hof des Herrensitzes eine ausgezeichnete Sicht, er hatte vielmehr die ganze Stadt im Auge, dazu den Steilhang, die Bucht und die Bootsschuppen. Unter den umherhastenden Gestalten war der Graf leicht auszumachen, denn ihm wich der Diener, der das Bild trug, nicht von der Seite. Der Beobachter sah zu, wie sie geradewegs zur Bibliothek gingen, wo die Gräfin den Grafen erwartete. Der Diener wurde fast augenblicklich mit einem neuen Auftrag fortgeschickt. Der Späher ließ den Mann nicht aus den Augen, während er sich seinen Weg durch die Menge bahnte. Zuerst suchte er die Ställe auf, dann den Speisesaal, und schließlich ging er in die Quartiere der Gefolgsleute, wo er einen hoch aufgeschossenen jungen Mann ansprach, während er auf die Bibliothek deutete. Mit weit ausholenden Schritten seiner langen, linkischen Beine machte sich der schlaksige Junge eilends auf den Weg.
    Der Beobachter wandte den Blick ab. »Also lassen sie diesen Mitt rufen«, sagte er in einem Ton, als sei sein schlimmster Verdacht gerade bestätigt worden. Er hob den Kopf und blickte aufmerksam um sich; offenbar befürchtete er, jemand stehe in seiner Nähe und beobachte ebenfalls. Die Grüne Straße aber war leer. Der Mann zuckte mit den Schultern, drehte sich um und verschwand landeinwärts.
    Ungefähr zur gleichen Zeit erreichte Mitt die oberste Stufe der Treppe, die zur Bibliothek hinaufführte, und drückte, während er ein Keuchen unterdrückte, die knarrende Türe auf.
    »Aha, da bist du ja«, sagte die Gräfin. »Wir hätten gern, dass du jemanden tötest.«
    Sie war noch nie ein Mensch gewesen, der um den heißen Brei herumredet, und im Grunde war das schon das Einzige, was Mitt an ihr mochte. Dennoch traute er seinen Ohren nicht. Ungläubig starrte er in ihr langes, knochiges Gesicht, das leicht geneigt auf ihren hohen Schultern saß, dann blickte er fragend Graf Keril von Hannart an, ob er sich verhört habe. Obwohl Mitt schon seit zehn Monaten in Aberath war, kam es immer wieder vor, dass er den norddalemarkischen Dialekt falsch verstand. Graf Keril hatte einen dunklen Teint und eine lange Nase. Jedermann betonte, was für ein liebenswerter Mensch er sei, doch Mitts Blick erwiderte er genauso grimmig entschlossen wie die Gräfin.
    »Hast du nicht verstanden?«, fragte Graf Keril. »Wir möchten, dass du jemanden beseitigst.«
    »Doch. Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?«, entgegnete Mitt. Er las ihnen jedoch von den Gesichtern ab, dass sie keineswegs zu Scherzen aufgelegt waren. Ihm wurde kalt, er fühlte sich angewidert, und seine Knie wurden weich. »Ich töte nicht mehr – das habe ich deutlich gesagt!«, wandte er sich an die Gräfin.
    »Unsinn«, widersprach sie. »Weshalb, glaubst du denn, dass ich dich zu meinem Gefolgsmann habe ausbilden lassen?«
    »Das war dein eigener Wunsch! Ich habe nie darum gebeten!«, rief Mitt. »Ich habe mir auch nie weisgemacht, du würdest aus reiner Menschenliebe so viel für mich tun.«
    Graf Keril blickte die Gräfin fragend an.
    »Ich hatte dich gewarnt. Er hat wirklich keine Manieren«, sagte sie. Sie steckten die Köpfe zusammen und berieten sich murmelnd.
    Mitt empfand zu tiefen Abscheu, als dass er versucht hätte, sie zu belauschen. Er blickte an ihren unversöhnlichen Gesichtern vorbei auf das Gemälde des Adons, das hinter ihnen auf einer Staffelei lehnte. In dem Licht, das durch die Tür hinter Mitt auf das Bild fiel, glänzte die Leinwand bläulich, doch die gemalten Augen, die wie finstere Löcher aussahen, hielten seinen Blick gefangen. Sie wirkten gehetzt, von Unbehagen erfüllt. Der berühmte Adon war alles andere als gut aussehend gewesen. Mit seinem strähnigen Haar und den krummen Schultern machte er vielmehr einen recht kranken Eindruck. Fast ein Krüppel wie die Gräfin, dachte Mitt. Graf Keril und sie stammten beide vom Adon ab. Sie hatte die Schultern geerbt; Keril des Adons lange Nase. Bis zu diesem kurzen Gespräch wäre Mitt tief enttäuscht gewesen, hätte er

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