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Historical Band 298

Historical Band 298

Titel: Historical Band 298
Autoren: Blythe Gifford Terri Brisbin
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Männerkleidung trug, wurde ihr klar, dass sie schon lange an Flucht gedacht hatte.
    Die Tunika und die Beinlinge, der Proviant, der Wanderstab und eine Handvoll Münzen – alles hatte bereitgelegen. Aber als der Augenblick kam, hatte sie keinen Plan, sondern wollte nur fort.
    Jane sog tief die frische Luft ein und verdrängte ihre Gewissensbisse. Solay würde sie nicht vermissen. Die anderen waren ja da. Es waren Frauen, die wussten, was zu tun war – ihre Mutter, ihre Schwägerin und die Amme – jede von ihnen war eine größere Hilfe als sie.
    Sie passte nicht in die Welt der Frauen. Es war eine Welt voller Verantwortungen, die sie nicht tragen wollte. Voller Erwartungen, die sie niemals würde erfüllen können. Sie wollte leben wie ein Mann, wollte gehen, wohin es ihr gefiel, und frei über ihr Tun entscheiden. Ohne die Grenzen, die einer Frau gesetzt waren.
    Sie blinzelte die aufsteigende Trauer über den Verlust ihrer Familie fort, straffte die Schultern und stellte sich entschlossen ihrer Zukunft.
    Als ein Krieger würde sie wohl kaum durchgehen. Aber sie hatte oft dem Gatten ihrer Schwester zugehört und so einiges über die Arbeit der Beamten gelernt. Als gelehrter Mann würde sie unerkannt unter Männern leben können.
    Und als Beamter konnte sie vielleicht sogar einen Platz bei Hofe finden. Nicht den Platz, der ihr von Standes wegen gebührte, aber doch einer, auf dem sie den König in wichtigen Staatsangelegenheiten in Rom oder Paris vertreten konnte.
    Sie schulterte ihren Beutel.
    Frei wie ein Mann. Von niemandem abhängig.
    Wenn sie den Weg richtig berechnet hatte, würde sie in drei Tagen in Cambridge sein.
    Zwei Tage später erwachte Jane, frühstückte ein paar Beeren und ging wieder dem Sonnenaufgang entgegen. Mit zusammengekniffenen Augen suchte sie einen ersten Blick auf Cambridge zu erhaschen.
    Während sie der Straße immer weiter Richtung Osten folgte, zwitscherten die Vögel. Eine Kuh drehte sich um und schaute ihr nach, wobei sie friedlich ihr Heu kaute.
    Du lässt deine Schwester im Stich, wenn sie dich am meisten braucht , schien sie sagen zu wollen.
    Jane drehte den anklagenden Augen den Rücken zu. Was hätte sie tun können, was die anderen nicht besser konnten?
    Ihr Magen knurrte. Sie hätte mehr Brot und Käse einpacken sollen. Aber sie war es nicht gewöhnt, sich selbst um ihr Essen zu kümmern.
    Die zwei Tage auf der Straße waren ihr wie zehn vorgekommen.
    Nach zwei Nächten, in denen sie am Straßenrand geschlafen hatte, sah sie nicht mehr sehr gepflegt aus. Und sie roch auch nicht mehr allzu gut. Den Wanderstab hatte sie schon am ersten Tag verloren, als sie in einen Fluss gefallen war. Seitdem war sie in feuchten Kleidern weitergewandert. Dann hatte sie auch noch eine Wespe gestochen.
    Sie kratzte ihre geschwollene Hand und fragte sich, wie weit es wohl noch bis Cambridge war.
    Als sie mit einem Mal Hufegetrappel hinter sich vernahm, war sie zu müde, um davonzulaufen. Was konnte ein Dieb bei ihr schon finden?
    Außer, er merkte, dass sie eine Frau war. Dann hatte sie mehr zu verlieren als nur ihre paar Münzen.
    Während Pferd und Reiter näher kamen, gab sie sich alle Mühe, auszuschreiten wie ein Mann.
    Sie waren ziemlich breitschultrig, das Pferd und auch der Mann.
    Der Mann sah wie ein Gesetzloser aus, so wild. Er war vielleicht Mitte zwanzig, hatte ein hageres Gesicht mit einer gebrochenen Nase, zotteliges schwarzes Haar und einen struppigen Bart. Die Laute, die er auf dem Rücken trug, ließ ihn auch nicht vertrauenswürdiger erscheinen. Fahrende Sänger waren ein Sinnbild allen Lasters.
    Er zügelte sein Pferd, sah auf sie herunter und sagte etwas in einem Dialekt, den sie nicht verstand.
    Sie schaute ihn misstrauisch an und versuchte, die Worte zu enträtseln. Seine Augen, die so grau waren wie Regenwolken, blickten nicht unfreundlich. „Was habt Ihr gesagt?“
    Er seufzte und sprach jetzt langsam, wie in einer fremden Sprache. „Wo gehst du hin?“
    Sie räusperte sich. „Cambridge.“ Hoffentlich klang ihre Stimme tief genug.
    Er lächelte. „Ich auch. Dann bist du also ein Student?“
    Aus Angst, dass ihre Stimme sie verraten könnte, nickte sie nur.
    Langsam ließ er den Blick über sie gleiten und musterte sie ausgiebig von oben bis unten. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Da war so ein Aufblitzen in seinen Augen.
    „Studenten reisen nicht allein“, meinte er schließlich.
    „Spielleute auch nicht.“
    Er lachte. Es hörte sich angenehm

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