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Historical Band 298

Historical Band 298

Titel: Historical Band 298
Autoren: Blythe Gifford Terri Brisbin
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anbieten.“
    Stolz und Angst rangen in ihrem Inneren miteinander. Für einen Neuankömmling in diesem Land schien er eine Menge über diese Stadt zu wissen, aber sie wusste nichts über diesen Fremden. Sie hatte ihre Familie verlassen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und nicht, damit sie es einem Tölpel mit starken Armen und einem melodischen Lachen überließ. „Danke, aber ich benötige Eure Hilfe nicht.“
    Er beugte sich vor, legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte sie leicht. „Du wirst ein paar Freunde brauchen, Little John. Es ist keine Schande, eine dargebotene Hand zu ergreifen.“
    Sie straffte die Schultern. Irgendwie schüchterte dieser Mann sie ein, und das bestimmt nicht, weil er sein Fleisch roh aß. „Ich möchte lieber selbst auf mich aufpassen.“ Wenn sie es oft genug sagte, würde es schon wahr werden.
    „Na, wenn du das möchtest.“ Sein nordischer Akzent war wieder deutlich zu hören. „Dann viel Glück.“ Er wandte sein Pferd um, bereit, davonzureiten.
    Sie biss sich auf die Lippen. Jetzt hatte sie ihn verärgert. „Aber ich danke Euch trotzdem für das freundliche Angebot“, rief sie hinter ihm her, als er fortritt.
    „Ein zweites bekommst du nicht“, rief er ihr über die Schulter zu.
    Etwas unsicher vom langen Ritt ging sie in die entgegengesetzte Richtung und versuchte den Eindruck zu erwecken, als wüsste sie, wohin sie gehen musste. Sie zwang sich, nicht zurückzuschauen.
    „Hey, John!“
    Sie drehte sich um. „Ja?“
    „Halte dich vom Schlachterviertel fern. Und wenn du an der Bierschenke am Solar Hostel vorbeikommst, schau mal rein. Dann heben wir gemeinsam einen.“
    Sie winkte ihm fröhlich zu, ging weiter und fragte sich dabei, woher sie wissen sollte, wo die Schlachter lebten.
    Duncan zügelte sein Pferd, sah zu, wie der helle Schopf des Jungen in der Menge verschwand und widerstand dem Bedürfnis, ihm zu folgen. Der arme Bursche hatte sich so fest an ihn geklammert, dass er kaum noch Luft bekommen hatte. Und doch seine Hilfe abgelehnt. Jung, verletzlich, voll Enthusiasmus und zu stolz, um anzunehmen, was ihm angeboten wurde. Es war Jahre her, dass er genauso gewesen war. Aber er konnte sich noch gut daran erinnern.
    Er hätte den Jungen einfach mitnehmen sollen. Die Welt war voller Gefahren, und es brauchte nur einen Augenblick. Wenn der Bursche an den falschen Ort ging, jemanden auf die falsche Art ansah, jemanden in der falschen Stimmung antraf …
    Nun, er würde es selbst herausfinden. Wie alle anderen auch hatte der Junge Duncan für einen Tölpel aus dem Grenzland gehalten. Sollte er ruhig allein durch die Straßen wandern, wenn er so voller Vorurteile war.
    Aber es war etwas an ihm, etwas, das Duncan keine Ruhe ließ. Es hatte ihn auf unerklärliche Weise geärgert, als seine Hilfe zurückgewiesen wurde. Warum war dieser Junge nur so scheu?
    Duncan wandte sein Pferd die Straße hinunter in Richtung Solar Hostel. Er hatte an wichtigere Dinge zu denken als an einen undankbaren Rotzjungen. Pickering konnte jeden Tag hier eintreffen, und dann mussten Pläne geschmiedet werden, bevor das Parlament zusammentrat. In der Zwischenzeit musste er dafür sorgen, dass die Küchenvorräte der Herberge aufgefüllt wurden und dass die Betten bereit waren, bevor die Scholaren zurückkehrten.
    Aber irgendwie wusste er jetzt schon, dass er sich bis spät in die Nacht darum sorgen würde, ob der Junge ein Lager gefunden hatte.

2. KAPITEL
    J a ne knurrte der Magen, während sie beobachtete, wie Männer die Schenke betraten und verließen. Seit dem Porridge, den ihr ein freundlicher Pedell des King’s Hall gestern spendierte, hatte sie nichts mehr gegessen.
    Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen erwies sich als schmutziger und einsamer, als sie es sich vorgestellt hatte. Seit fünf Tagen hatte sie nur wenig Essen und noch weniger Wasser zum Waschen gesehen. Sobald es hell wurde, ging sie von College zu College auf der Suche nach einem Master, der sie aufnehmen würde. Und als es dunkel wurde, hatte sie wach gelegen, für ihre Schwester und das Baby gebetet und gehofft, Gott und ihre Mutter würden ihr verzeihen, dass sie fortgelaufen war.
    Die Masters der Colleges schienen auch nicht mehr Mitleid mit ihr zu haben als der Allmächtige.
    Sie hatte das richtige Alter und das richtige Geschlecht – zumindest gab sie das vor. Aber sie hatte wenig Geld, und ihr von der Familie so bewundertes Latein beeindruckte die Master nicht. Sie zeigten kein

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