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Herzgefaengnis

Herzgefaengnis

Titel: Herzgefaengnis
Autoren: Greta Schneider
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Kapitel 1
     
    Bloß weg hier.
     
    Das war alles, woran ich beim Aufwachen dachte. Nicht zum ersten Mal übrigens. Zugegeben.
    Ich setzte die Füße lautlos auf den Laminatfußboden und verlagerte vorsichtig mein Gewicht auf die Beine. Regelmäßige Atemzüge hinter mir beruhigten mich: Ich würde unbemerkt rauskommen.
    Nachdem ich mich angezogen hatte, scannte ich den Raum nach möglicherweise verlorenen oder vergessenen Gegenständen. Gegenstände, die man später gegen mich verwenden könnte, und wurde fündig. Mein Kreolen-Ohrring! Ich hob ihn auf und steckte ihn an. Meine Schuhe in der Hand, tappte ich auf Strümpfen in Richtung Wohnungstür.
    Es kam auch nicht zum allerersten Mal vor, dass ich beim leisen Zuziehen der fremden Tür hörte, wie jemand meinen Namen murmelte. Was mir aber definitiv noch nie passiert war:
    Die Person, aus deren Wohnung ich mich gerade schlich und die mir mit verschlafener Stimme „Sabina?“ hinterher rief, war - eine Frau.
    Das machte das Ganze nicht besser.
    Der Hausflur lag im Dunkeln und ich würde den Teufel tun, jetzt das Licht anzuschalten. Trotz der eisigen Kälte in dem ungeheizten Flur tappte ich immer noch auf Strümpfen über die abgetretenen Stufen. Das rissige, löchrige Linoleum pikte in meine Fußsohlen. Einige Stufen knarzten unter meinen Füßen. Der muffige Geruch verschlug mir fast den Atem. Unten angelangt, hielt ich die Luft an. Oben ging eine Tür. War das … sie? Was, wenn die Haustür abgeschlossen war? Um 5 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen wäre das normal. Ich traute mich nicht, es zu probieren.
    Das Licht ging an. Schritte auf der Treppe. Ich duckte mich unter den Treppenvorsprung. Ein Kinderwagen gab mir Deckung.
    „Sabina?“ Bitte geh wieder rauf. Ich ruf dich auch an und erkläre dir alles.
    „Sabina! Verdammt!“ Es hallte im ganzen Treppenhaus wider. Na toll. Es quietschte und klapperte, als sie die Haustür öffnete. Wenigstens nicht abgeschlossen. Ein Glücksfall?
    Meine Beine waren bereits taub vor Kälte. Doch ich hockte weiter regungslos in meiner Ecke. Sie war immer noch draußen, schaute wahrscheinlich auf der Straße nach mir. Die Haustür war ins Schloss gefallen. Minutenlang war nichts zu hören. Mist. Sollte ich hier den ganzen Morgen verbringen?
    Ich beschloss, wenigstens die Schuhe anzuziehen. Doch öffnete sich die Haustür erneut. Ich duckte mich noch tiefer unter den Treppenvorsprung. Sie kam langsam näher. Ich konnte ihre Hausschuhe sehen. Dicke Lammfell-Puschen. Die hätte ich mir jetzt auch gewünscht. Unschlüssig war sie stehen geblieben. Die 15 Sekunden, bis sie sich auf dem Absatz umdrehte und mit schwerfälligen Schritten wieder hinauf ging, waren die längsten meines Lebens. Wenigstens hatte sie die Haustür nicht abgeschlossen.
    Als ich mich aufrichtete, stieß ich mit dem Kopf an die Treppe. Der Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen, aber ich knirschte nur mit den Zähnen, statt aufzuheulen. Schlimm genug, dass der Anstoß zu hören gewesen war. Mühsam schlüpfte ich in die viel zu dünnen, ungefütterten Stiefeletten aus Wildleder, warf mir die Daunenjacke um die Schultern und schlich hinaus. Hinter mir fiel die Tür mit einem viel zu lauten Krachen ins Schloss.
    Auf der Danziger Straße fuhren schon die ersten Straßenbahnen. Eigentlich hätte ich nach rechts abbiegen müssen, um nach Hause zu kommen. Aber dann hätte sie mich aus ihrem Fenster sehen können. Ich wandte mich nach links. An die Hauswände geduckt, stöckelte ich in der Dunkelheit dahin. Unter meinen Füßen knirschte das schwarze Granulat, mit dem sie die Bürgersteige während des letzten Schneefalls gestreut hatten. Einzelne Steinchen spürte ich unter der dünnen Sohle. Am Straßenrand lagen überall noch schmutzige, graue Häufchen des Schnees, der es nicht geschafft hatte, vor der nächsten Frostperiode wegzutauen.
    Nicht nur meine Füße, auch meine Ohren brannten vor Kälte. Ich kramte in meiner Tasche nach der Mütze, doch sie war nicht da. Ich fluchte. Sie musste mir aus der Tasche gefallen sein. Hoffentlich nicht in ihrer Wohnung. So eine Scheiße.
    Trotzdem: Immer noch besser, als morgens einem Wildfremden in die Augen schauen zu müssen, der dich so gesehen hat. Der dich dabei ertappt hat, wie du schwach wirst. Obwohl der Fremde vorher eine abscheuliche Mickymaus-Krawatte getragen hat. Oder den ganzen Abend peinliche und überhaupt nicht komische Witze gerissen hat. Oder eine Frau ist.
    Alles ist besser, als in den Augen dieser

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