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Halsknacker

Halsknacker

Titel: Halsknacker
Autoren: Stefan Slupetzky
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nicht in den dritten Stock herauf. Dann wär man im Wald draußen, in der Natur, und könnt noch laufen mit gesunden Beinen.« Die Moserin wirft einen verächtlichen Blick zur Treppe hin, wo der lädierte Kollmann eben um die Ecke keucht, und betritt ihre Wohnung. »Na, was ist jetzt, die Herren? So kommen S’ halt weiter …«
    »Unser Kaiser weiß schon, wo dem Menschen seine Grenzen sind. Der mag den Dreck nämlich auch nicht, den Strom und die Automobile, den Lärm und den ganzen Gestank und die Unzucht, die uns alle überrollt wie eine Pest. Machen kann er trotzdem nichts dagegen, dass die Welt aus den Fugen gerät, und das, obwohl er Kaiser ist. Drüben an der Alten Donau tun s’ jetzt nackert baden, Männer und Frauen, alle durcheinander wie die Schweine. Und alles ganz gesetzlich, nicht wahr, meine Herren?« Die Moserin dreht sich zur Seite und spuckt aus. »Es ist mir wurscht, ob Sie sich wundern über mich: Die trauernde Witwe werden S’ bei mir nicht finden. Und eine Mörderin schon gar nicht: Wir waren in der Kirche, meine Tochter und ich. Wenn einer derweil eine Flasche beim Fenster hinausg’schmissen hat, dann muss es der Herrgott g’wesen sein. Gerechte Strafe, sag ich nur … Warum? Weil uns mein Mann – Gott hab ihn selig – ruiniert hat.« Sie lehnt sich zurück, hebt den Kopf und starrt Strotzka herausfordernd an. »Wissen S’, was er machen wollt mit der Sophie, nachdem s’ nimmer laufen hat können? Zu diesem … diesem Quacksalber wollt er sie bringen! Na, zu diesem sogenannten Seelendoktor, in der Berggasse gleich um die Ecke.«
    »Doktor Freud?«, mischt Kollmann sich ein.
    »Ganz recht, so heißt er. Ein gottloser Ketzer, was man so hört. Ein durch und durch verkommenes Subjekt. ›Du wirst mir den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben!‹, hab ich also zum Alois gesagt. ›Erst machst du unsere Tochter zum Krüppel und als Draufgab’ willst du sie noch von dem schmutzigen Juden verderben lassen! Und alles im Zeichen der Modernität!‹ Dann hab ich das Kind gepackt und bin hinüber zur Servitenkirche, in die Kapelle vom heiligen Peregrin. Wenn einer dem Sopherl helfen kann, ist es der Peregrin: Der ist auf die Füße spezialisiert und hat schon viele kranke Leut’ geheilt …«
    »Die Mama hat recht«, lässt sich nun erstmals auch die kleine Sophie vernehmen. Sie sitzt – ein wenig abgewandt – in ihrem Rollstuhl und blickt mit ernster Miene aus dem Fenster. »Ich will nicht zum Juden. Seit ich zum heiligen Peregrin bete, geht’s mir schon viel besser … Mama?«
    »Ja, was denn, Kind?«
    »Können wir wieder nach Haus? Wo der Papa doch jetzt bei den Engerln ist?«
    »Ja, Sophie. Gleich morgen fahren wir.«
    Ein Lächeln erhellt das schmale Gesicht des Mädchens.
    »Darf ich jetzt in mein Zimmer, Mama?«
    »Ich bring sie schon.« Kollmann erhebt sich, hinkt durch den Raum und tritt an den Rollstuhl. »Wo ist denn dein Zimmer?«
    »Da drüben.«
    In diesem Moment setzt das Erdbeben ein. Ein leises Klirren des Lusters zunächst, dann ein tiefes, heiseres Grollen, das bald schon die Möbel erzittern lässt. Strotzkas Kaffeetasse wandert langsam über den Tisch.
    »Keine Angst, meine Herren«, meint die Moserin ruhig. »Das ist nur die Elektrische.«
    »Und du bist wirklich sicher?«
    »Völlig sicher. Schau, was ich bei der Kleinen am Fensterbrett g’funden hab …« Kollmann bleibt stehen und hält Strotzka die geöffnete Hand hin. Zwei kleine, glitzernde Kugeln liegen darin. Blassblaue, gläserne Murmeln. »Wenn sich schon die Kaffeehäferln auf Wanderschaft begeben, dann kannst dir vorstellen, was die Straßenbahn mit einem vollen Doppler auf Glasschussern macht …«
    »Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben«, gibt Strotzka leise zurück.
    »Und jetzt? Was sollen wir tun?«
    »Am besten gar nix. Es war halt ein saublöder Unfall. Der Moser hat den Wein ins offene Fenster g’stellt. Aber dann hat er Lust auf ein Bier gekriegt und sich in den Schanigarten g’setzt.«
    Sie treten schweigend auf die Fahrbahn und überqueren die Kreuzung. Kollmann ächzt, sein Knöchel scheint ihm starke Schmerzen zu bereiten.
    »Weißt du, was ich nicht versteh?«, fragt Strotzka, als sie auf der anderen Seite sind. »Wie ist die Kleine da hinaufgekommen? Aufs Fensterbrettel, mein ich …«
    Kollmann hebt noch einmal den Kopf und mustert die Häuserfront über dem City, aber im dritten Stock sind jetzt alle Fenster geschlossen. »Ich weiß nicht«, sagt er dann. »Vielleicht … Nein,

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