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Halsknacker

Halsknacker

Titel: Halsknacker
Autoren: Stefan Slupetzky
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Strafraumgrenze angelangt, musste er zunächst einmal verschnaufen. Er beugte sich vor und hustete einen schillernden Schleimbatzen auf den Rasen.
    »Kopeinig!«, hörte er – durch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren gedämpft – den Trainer brüllen. »Z’ruck, Bertl, z’ruck! Du stehst im Abseits!«
    Also Rückweg. Wie weit? Zumindest bis zur Mittellinie, beschloss Schestak. Unterwegs begegneten ihm seine Teamkollegen, die gerade in den Ballbesitz gekommen waren. Schestak blieb stehen. Überlegte. Machte kehrt. Und lief prompt ins Abseits. Entschuldigend hob er die Hände, rotzte ins Gras und torkelte zum Mittelkreis zurück.
    So ging es wohl eine halbe Stunde lang, eine halbe Stunde allerdings, die Schestak vorkam wie die Ewigkeit. Rund um ihn tobte das Spiel, auf der Trainerbank tobte der Trainer, auf den Rängen tobte das Publikum. In Schestak selbst aber tobten nur Herzschlag und Husten; er nahm das gellende, ohrenbetäubende Pfeifen kaum wahr, das über dem Stadion lag wie der Gestank über einer geöffneten Käseglocke.
    Schestaks gesammelter Auswurf am kroatischen Strafraum war mittlerweile zu einer veritablen Pfütze angewachsen. Grün auf Grün, ein kleiner Bronchialsee, ein glitzerndes Beuschelbiotop inmitten der sterilen Rasenfläche. Und just an dieser Stelle geschah in der einunddreißigsten Minute das Unglaubliche: Miroslav Mikulić, der kleine kroatische Verteidiger, rutschte auf der Schestak’schen Schleimlacke aus und klatschte mit der Hand auf das runde Objekt der Begierde: den Ball.
    Handspiel also, und – ganz folgerichtig – Freistoß an der feindlichen Strafraumgrenze. Vom wütenden Gebrüll des Trainers angetrieben, schleppte sich Schestak zum Ort des Geschehens. Einmal mehr beugte er sich röchelnd vor, um abzuhusten. Der kurze Pfiff des Schiedsrichters, und fast im selben Moment ein schmerzhafter Schlag auf das Hinterteil: Schestak schrie auf – doch er sollte den eigenen Schrei nicht mehr hören: Sein Schmerz, sein Geheul, das alles ging unter im tosenden Jubel der Zuschauer. Schon wurde Schestak von seinen Gefährten besprungen, zu Boden gerissen, umarmt und geküsst. »Kopeinig! Kopeinig!«, skandierte das rasende Publikum, und erst, als der Platzsprecher das eins zu null verkündete, wurde ihm klar, was geschehen war: Rogner hatte den Freistoß getreten; er hatte den Ball – wahrscheinlich aus Unvermögen, vielleicht aber auch aus Zorn auf seinen inferioren Kollegen – gegen Schestaks verlängerten Rücken gelenkt. Der Ball war abgeprallt und – für den kroatischen Tormann unhaltbar – in die rechte Kreuzecke geflogen.
    Schestak rieb sich den Hintern. Ein schier unbezwingbares Verlangen nach einem Krügel Bier und einer Zigarette keimte in ihm auf. Aber er musste sich gedulden: Obwohl sich bereits ein Ersatzspieler aufgewärmt hatte, beließ ihn der Trainer nun doch noch im Spiel.
    Als der Referee zur Pause pfiff, legte Schestak plötzlich ein ungeahntes Tempo an den Tag. Lange vor den anderen war er in der Kabine; er schloss sich in der Toilette ein und zog zwei Flaschen Bier aus seiner Sporttasche. Trotz des beträchtlichen Platzmangels – der nackte, leblose Körper Herbert Kopeinigs hing über der Kloschüssel – trank und rauchte Schestak mit großem Genuss. Solcherart gekräftigt und entspannt, lief er bald darauf zur zweiten Spielhälfte in die Arena.
    Wie wankelmütig Fußballfans doch sein können! Hatten sie ihn eben noch mit frenetischem Applaus begrüßt, so grölten sie ihm schon nach wenigen Minuten Buhrufe entgegen. Gnadenloses, undankbares Pack, dachte Schestak. Keuchend trottete er einem der Kroaten hinterher, der – den Ball elegant übers Gras dribbelnd – in Richtung des eigenen Tormanns tänzelte. Nach ein paar Metern allerdings beschloss er, die Verfolgung abzubrechen: Zu aussichtslos war der ungleiche Kampf, da schien es allemal besser, den Feind mit Verachtung zu strafen. Schestak drehte sich um und streckte dem Gegner den Hintern entgegen. Den Rückpass des Kroaten konnte er daher nicht sehen, und ebenso wenig den Anlauf des Tormanns, der den Ball mit voller Wucht in die österreichische Spielhälfte befördern wollte. »Au!«, schrie Schestak und kippte nach vorne.
    Seine Teamkollegen mussten ihn nicht mehr zu Boden reißen, aber sie warfen sich schichtweise über ihn, zehn Mann hoch, jauchzend vor Entzücken.
    Der Schuss des kroatischen Torwarts war entschieden zu flach ausgefallen. Der Ball hatte Schestaks – ohnehin schon lädierte –

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