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Gepeinigt

Titel: Gepeinigt
Autoren: Theresa Saunders
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Polizistin. Wenn sie ein sanfterer, duldsamerer Mensch gewesen wäre, nicht so aggressiv und aufmüpfig und so voller Ehrgeiz, die beste Polizistin zu werden. Tja, wenn.
    Müßige, völlig überflüssige Überlegungen. In diesem Moment sollte sie sich lieber auf ihre Rettung oder Flucht konzentrieren. In Sachen Rettung konnte sie nur hoffen, dass nicht Paul Temple die Leitung des Falles übernahm – er war faul und obrigkeitshörig, ein Sexist erster Güte mit einer Riesenklappe! Nein, ihre größte Hoffnung war Nick Kennedy – natürlich immer vorausgesetzt, man wusste überhaupt von ihrem Verschwinden. Nick würde sich den Arsch aufreißen, das wusste Mary ganz genau. Sie hielt viel von ihm, auch
wenn er gelegentlich anstrengend und grundlos brüsk war und sich in letzter Zeit allzu sehr bei den Bossen lieb Kind zu machen versuchte. Keiner hatte ihr mehr beigebracht. Niemand sonst hatte sich die Mühe gemacht, ein Vorbild zu sein und sich daran messen zu lassen. Im Großen und Ganzen bewunderte sie ihn. Und hoffte inständig, dass er ihre jüngsten Querelen vergessen und verdammt noch mal rausfinden würde, dass sie in die Scheißhände eines Kidnappers geraten war und das ganze Aufgebot brauchte, damit er sie hier rausholte! Das war ihre größte Hoffnung, nach der sich ihr zerschundener Körper mit jeder Faser sehnte.
    Dennoch war Mary klar, dass sie ihre Hoffnungen nicht allein auf eine Rettung setzen durfte. Nein, sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen. Auf sich selbst konnte man sich immer noch am besten verlassen. Und um diesem irren Mistkerl eins auszuwischen, musste sie unbedingt vermeiden, noch eine Ladung Chloroform abzukriegen. Sie musste wachsam bleiben, durfte keine sich bietende Chance übersehen. Auch wenn ihr fürchterlich flau wurde bei dem Gedanken, so wusste sie, dass nur sein Auftauchen ihr eine Chance zur Flucht bieten konnte. Also sehnte sie wohl oder übel sein Kommen herbei.
    Eventuell konnte sie ihn überreden, sie gehen zu lassen. Sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Sie kannte ihn ja nicht. Er konnte ihr alles Mögliche auftischen, um sie zu quälen. Außerdem würde er genau das erwarten. Entführer erwarteten immer, dass ihre Opfer sie anflehten, sie freizulassen. Genau darauf fuhren sie ab. Wahrscheinlich wichste er sich jetzt schon bei dem Gedanken einen ab. Nein, den Gefallen würde sie ihm nicht tun. Diese Entscheidung gab ihr neue Kraft. Wie schon im Lieferwagen beschloss sie, sich in jeder nur erdenklichen Weise gegen dieses Schwein zur
Wehr zu setzen. Das Arschloch würde früher oder später einen Fehler machen. Es war nur eine Frage der Zeit.
    Und momentan hatte sie, wie es schien, viel Zeit. Sie überlegte, ob sie um Hilfe rufen sollte, schob diesen Gedanken jedoch wieder beiseite. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie in einer Art Bunker steckte, und der kichernde Irre hatte sicher damit gerechnet, dass sie um Hilfe zu schreien versuchte, und entsprechende Maßnahmen getroffen. Das wäre bloß Zeit-und Kraftverschwendung. Kraft, die kostbar war. Nein, besser, sich die Kräfte für eine Flucht aufzusparen. Sie musste stark bleiben, musste seine Schwächen herausfinden. Jede noch so unwichtige Kleinigkeit. Sie machte sich im Kopf eine Liste: angeschlagenes Kinn, vielleicht sogar eine Rippenprellung, falls ihn der Reifen getroffen hatte. Verletzter Stolz. Eine erbärmlich mickrige Liste. Sie schloss einen Moment lang die Augen und holte tief Luft. Atmete aus. Trotzdem, am besten sie rief sich diese Liste immer wieder ins Gedächtnis, das gab ihr das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein.
    Und sie konnte versuchen, wieder ein wenig zu Kräften zu kommen. Zum Beispiel ihren Lieblingsblazer aus Samt ausziehen. Es war fürchterlich heiß geworden. Ohne zu überlegen, zerrte sie sich mit ihren blutigen Fingern den Blazer von den Schultern, aber das brachte gar nichts, denn nun steckte sie in ihrer eigenen Zwangsjacke fest. Sie fluchte wild. »Fuck! Fuck! Fuck!« Wo war ihr Verstand geblieben? Frustriert und erschöpft ließ sie sich auf die Matratze zurücksinken und dachte angestrengt nach.
    Warum war ihr so heiß? Es war Herbst, und abends brauchte man eine Jacke. Tagsüber herrschten dagegen angenehme Temperaturen. Ob die Sonne aufgegangen war? War bereits eine ganze Nacht verstrichen und ein neuer Tag hereingebrochen?
Spielte das in

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