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Finnisches Blut

Finnisches Blut

Titel: Finnisches Blut
Autoren: Taavi Soininvaara
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|5| 1
    Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer tauchte urplötzlich das Katzenauge eines Fahrrads auf. Ein lautes metallisches Klirren war zu hören und danach ein dumpfer Aufprall, als der Radfahrer auf der Motorhaube aufschlug. Generalmajor Raimo Siren trat auf die Bremse. Er riß das Lenkrad herum und sah, wie Blut über die Windschutzscheibe floß. Sein Wagen geriet ins Schleudern, mit Mühe und Not konnte er ihn auf der Straße halten.
    Hatte er einen Menschen umgebracht? Wo zum Teufel war das Fahrrad plötzlich hergekommen? Würde der Unfall das Ende seiner Laufbahn bedeuten? Auf der Straße war doch niemand zu sehen gewesen, als er Joris Nummer im Speicher des Autotelefons gesucht hatte. Liefen auf dem Radweg Fußgänger? Hatte er auf der Straße Gegenverkehr gehabt? Das Abendessen, das sehr feucht gewesen war, hatte sich lange hingezogen und seine Sinne betäubt.
    Der heftige Regen peitschte rhythmisch auf das Auto, und Sirens Puls hämmerte in den Schläfen. Er gab Gas und schaute im Rückspiegel auf die Straße, die im Licht der Straßenlaternen glitzerte: Das Opfer lag in einer unnatürlichen Stellung mitten auf der linken Fahrspur. Siren erstarrte, als er im Seitenspiegel sah, wie zwei Gestalten vom Radweg zu dem Überfahrenen rannten. Er spürte noch kurz eine warme Welle des Mitleids, die dann aber angesichts seiner Angst versiegte.
    |6| Der für die militärische Aufklärung Finnlands verantwortliche General geriet nicht in Panik, obwohl ihm klar war, welche Folgen es hätte, wenn man ihn überführen würde: Anklage, Entlassung, Schadensersatz, Gefängnis und eine große, eine außerordentlich große Schande.
    Zu Hause in Marjaniemenranta schloß sich Siren in seinem Arbeitszimmer ein und ging stundenlang das Geschehene immer wieder durch, nur Musik von Sibelius begleitete ihn dabei. Am Ende mußte er den Tatsachen ins Auge sehen: Er wußte von Amts wegen, daß die Polizei über mehr als genug Mittel verfügte, ihm auf die Spur zu kommen, auch wenn er das Auto desinfizieren, die Schäden ausbessern lassen und die defekten Teile aus der Reparaturwerkstatt stehlen würde. Möglicherweise blieb das Opfer am Leben und sagte aus, was geschehen war. Es könnte sein, daß die Polizei Reifenspuren oder winzige Glassplitter oder Lackteilchen seines Wagens fand. Selbst wenn ein Wunder geschähe und die Polizei am Unfallort oder an seinem Auto nichts entdeckte, was ihn mit dem Geschehen in Verbindung brächte, würden doch die Augenzeugen seinen Untergang besiegeln. Sie hatten sein Auto bestimmt gesehen, vielleicht sogar die Nummer. Man würde ihn ausfindig machen, das war unausweichlich.
    Er mußte etwas dagegen tun.

|7| MITTWOCH
9. August

|9| 2
    Arto Ratamo betrachtete die Langschwanzmakaken, die im Labor hinter einem unzerbrechlichen Plastikfenster in ihren Käfigen herumhüpften. Seine Augen waren aus Mangel an Schlaf gerötet. Es war nachts Viertel zwei, er hatte ein Gegenmittel gegen das Ebola-Killervirus, das die Affen in sich trugen, hergestellt und mußte noch testen, ob es wirkte.
    Anfang Mai hatte man auf dem Flughafen Helsinki-Vantaa bemerkt, daß ein Teil der Affen, die der Helsinkier Zoo auf den Philippinen bestellt hatte, krank war. Nachdem die Tierärztin des Zoos die unter Quarantäne gestellten Affen gesehen hatte, informierte sie sofort die EELA, die Nationale Forschungsanstalt für Veterinärmedizin und Lebensmittelprüfung. Die Frau stand regelrecht unter Schock, weil von den fünfzehn bekannten Ebola-Epidemien fünf gerade unter philippinischen Affen gewütet hatten. Außerhalb von Afrika war das Virus sechsmal aufgetreten: Einmal auf den Philippinen, zweimal in Europa und dreimal in den USA. Nach Ansicht der Wissenschaftler lebte das Ebola-Virus in den Trägertieren auf dem afrikanischen Kontinent und auf den Philippinen. Von ihnen wurde es auf den Menschen übertragen und breitete sich über Blut und Körpersekrete schnell aus.
    Der Leiter der Virologischen Abteilung der EELA, Eero Manneraho, stellte unverzüglich eine Forschungsgruppe aus Mitarbeitern seiner Einrichtung und Fachleuten der Virologischen |10| Abteilung des Staatlichen Gesundheitsamtes und des Instituts für Virologie der Universität Helsinki zusammen. Diese bestätigte zum Entsetzen der Behörden, daß drei Affen an Ebola erkrankt waren. Das von der Forschungsgruppe gefundene Virus war mit keinem einzigen der bis dahin bekannten vier Untertypen des Ebola identisch. Wahrscheinlich hatte eine geringfügige Änderung im Erbgut

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