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Erzählungen

Erzählungen

Titel: Erzählungen
Autoren: Paul Verne
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Paul Verne
Eine Mont-Blanc-Besteigung

    Der Gipfel des Mont Blanc. (S. 253.)
     
    18. August 1871 kam ich in Chamouni mit dem festen Entschluß an, die Besteigung des Mont-Blanc um jeden Preis durchzuführen. Mein erster Versuch dazu im August 1869 war mißlungen, weil das ungünstige Wetter mich verhindert hatte, weiter als bis zu den Grands-Mulets zu kommen. Dies Mal schienen die Umstände nicht viel besser für meine Expedition, denn das am Morgen noch schöne Wetter schlug gegen Mittag plötzlich um; der Mont-Blanc »setzte seine Haube auf« und fing an »seine Pfeife zu rauchen«, wie der landläufige Ausdruck in jenen Gegenden heißt. Dies sagt in weniger bildlichen Ausdrücken, daß er sich mit Wolken bedeckte, und daß der von einem heftigen Südwestwind gejagte Schnee einen langen Federbusch an seinem Gipfel zu formiren schien, der sich nach den unergründlichen Schluchten des La Brenva-Gletschers hinzog. Dieser Federbusch zeigte den unvorsichtigen Touristen die Linie an, auf der sie mit unwiderstehlicher Gewalt fortgerissen würden, im Fall sie es wagten, dem Berge zu trotzen.
    Die folgende Nacht war sehr schlecht; es regnete und stürmte um die Wette, und das Barometer stand mit einer Unbeweglichkeit, die mich fast zur Verzweiflung brachte, auf veränderlich.
    Endlich, gegen Tagesanbruch, kündigten Donnerschläge eine Modification im Zustand der Atmosphäre an, und bald danach heiterte sich der Himmel auf. Die Kette des Brevent und der Aiguilles-Rouges wurde klarer; der Wind wehte jetzt aus Nordwesten und ließ über dem Col de Balme, der im Norden das Thal von Chamouni begrenzt, einige leichte flockige Wolken erscheinen, die ich als Vorboten schönen Wetters begrüßte.
    Trotz dieser glückverkündenden Anzeichen, und obgleich das Barometer ein wenig gestiegen war, erklärte mir Herr Balmat, der Oberführer in Chamouni, daß man noch nicht daran denken dürfe, eine Ascension zu versuchen.
    »Wenn das Barometer fortfährt zu steigen, und das Wetter sich hält, fügte er hinzu, so verspreche ich Ihnen Führer zu übermorgen, ja vielleicht schon zu morgen. Damit Sie sich unterdessen um so leichter in Geduld fassen, und als kleine Vorübung für ihre Beine, möchte ich Ihnen rathen, den Brevent zu ersteigen. Bis Sie oben sind, werden sich die Wolken zerstreuen, und Sie können den Weg bis zum Gipfel des Mont-Blanc genau übersehen. Wenn Sie dann noch nicht die Lust zu der Expedition verloren haben, können Sie sich ja immerhin an das Abenteuer machen!«
    Diese in einem eigenthümlichen Ton vorgebrachte Tirade war nicht eben sehr ermuthigend für mich und forderte zum Nachdenken auf. Ich entschloß mich jedoch seinem Vorschlage zu folgen, und er bezeichnete den Führer Eduard Ravanel, einen kaltblütigen treuen Burschen, der sein Geschäft gründlich verstand, als meinen Begleiter.
    Zum Reisegefährten hatte ich meinen Freund und Landsmann, Herrn Donatien Levesque, mitgebracht; er war ein ausgezeichneter Fußgänger und eingefleischter Tourist, der erst im vergangenen Jahre eine instructive, sehr mühevolle Reise in Nordamerika gemacht hatte. Der größte Theil dieses enormen Ländercomplexes war schon von ihm erforscht, und er schickte sich an, auf dem Mississippi nach Neu-Orleans hinab zu fahren, als der Krieg seine Pläne durchkreuzte und ihn nach Frankreich zurückrief. Wir hatten uns in Aix-les-Bains getroffen und dort den Entschluß gefaßt, nach Beendigung unserer Cur eine gemeinschaftliche Excursion nach Savoyen und der Schweiz zu unternehmen.
    Donatien Levesque kannte meine Pläne, und da er aus Gesundheitsrücksichten verhindert war, eine so lange Reise auf den Gletschern zu unternehmen, hatten wir verabredet, daß er meine Rückkehr in Chamouni erwarten und während meiner Abwesenheit den traditionellen Besuch der Eisregionen über den Montanvert machen sollte.
    Als mein Freund erfuhr, daß ich nach dem Brevent gehen wollte, er klärte er sich sofort bereit, mich zu begleiten, denn diese Ascension ist einer der interessantesten Ausflüge, die man in Chamouni machen kann. Der 2225 Meter hohe Berg ist nur eine Verlängerung von der Kette der Aiguilles Rouges, die sich von Südwest nach Nordost parallel mit der des Mont-Blanc hinzieht und mit ihr das schmale Thal von Chamouni bildet. Die centrale Lage des Brevent, gerade dem Gletscher der Bossons gegenüber, gestattet, daß man von ihm aus die Karawanen, die eine Besteigung des Alpenriesen unternehmen, fast auf ihrer ganzen Tour verfolgen kann.

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