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Ein Jahr ohne Juli (German Edition)

Ein Jahr ohne Juli (German Edition)

Titel: Ein Jahr ohne Juli (German Edition)
Autoren: Liz Kessler
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1

    »Halt an!«
    »Was?« Dad dreht sich im Fahrersitz um. Das Auto macht einen Schlenker.
    »Pass doch auf, Tom!«, kreischt Mum, hält sich an der Armlehne fest und zieht einen Packen Kleenextücher aus ihrer Handtasche.
    »Halt an!«, wiederhole ich. Gleich ist es zu spät. Ich reiße Mum die Tücher weg und halte sie Craig vor den Mund.
    Dad fährt gerade noch rechtzeitig an den Straßenrand, und Craig stürzt aus seinem Sitz, rennt zu der Kiesböschung und beugt sich vornüber.
    Es stinkt nach Kotze, als wir weiterfahren.
    Ich rümpfe demonstrativ die Nase. »Mmm, riecht mal die frische Landluft!«
    Craig kneift mich. »Dabei hab ich doch gar nicht mal ins Auto gespuckt, Jenny«, schimpft er leise, als ich das Fenster runterlasse und meinen Kopf raushalte.
    Willkommen bei den Familienferien der Greens! Green wie Grün, sehr passend, wenn man das Gesicht meines kleinen Bruders anschaut. Mum sieht auch nicht viel besser aus. Aber schließlich ist sie im achten Monat; sie hat also eine Ausrede, etwas empfindlich zu sein – vor allem, weil Dad am Steuer sitzt.
    Echt, ich könnte diese Fahrt mit geschlossenen Augen kommentieren. Es ist jedes Jahr das Gleiche: Dad, der zu schnell die kurvigen Bundesstraßen entlangrast, Mum, die ihn mindestens zehnmal bittet, langsamer zu fahren, Craig, der mindestens einmal spuckt, dann drei Stunden Stau auf der Autobahn, zusammen mit Millionen anderer Familien, die ebenfalls keine Zeit verlieren wollen und sich am ersten Tag der Sommerferien auf den Weg gemacht haben.
    Dann kommen wir in unserer Ferienwohnung an, die genauso aussieht wie jedes Jahr und genauso wie alle anderen Apartments in Riverside Village: großer offener Wohnbereich mit angeschlossener Küche in Creme und Beige, makellos sauber und aufgeräumt. Keine schmutzigen Flecken auf dem braunen Ledersofa. Keine Fingerabdrücke auf dem Fernseher. Mikrowelle, kleiner Grill zum Überbacken von Sandwiches, Abtropfgestell, Obstschüssel – alles aufgezählt und in der Inventarliste vermerkt und präzise an seinem Platz. Genau an demselben Platz wie immer, wenn wir in der ersten Juliwoche in die Wohnung kommen. Jedes Jahr – so weit ich zurückdenken kann.
    Aber wir mögen es so. So ist das mit meiner Familie. Wir mögen Ordnung; wir wollen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Veränderungen und Überraschungen mögen wir nicht sehr. Wahrscheinlich haben wir deshalb diese Timesharing-Wohnung und buchen sie jedes Jahr zur gleichen Zeit; damit wir genau wissen, was uns erwartet. Jedes Jahr dasselbe. Ich könnte euch sogar sagen, auf welcher Wiese welche Blumen blühen. Es sind immer dieselben. Jedes Jahr.
    »Perfekt«, sagt Dad mit zufriedenem Nicken, als er in die Auffahrt fährt. »Vierzehnhundert Uhr.« Also zwei Uhr für normale Leute. Genau der Zeitpunkt, zu dem wir das Apartment beziehen dürfen.
    »Ganz pünktlich«, sagt Mum mit einem Lächeln. »Gut gemacht, Liebling.«
    Das mögen sie, meine Mum und mein Dad: pünktlich sein.

    Eine eigenartige Zufriedenheit macht sich breit, als wir das Auto ausräumen und uns einrichten. Ein bisschen wie im Winter, wenn man die flauschigen Pullover auspackt, an die man das ganze Jahr nicht gedacht hat; einem aber plötzlich klarwird, wie sehr man sie liebt und sich darauf freut, sie mal wieder anziehen zu können.
    In der Mitte des Wohnraums steht ein riesiger Fernseher, drehbar in alle Richtungen, damit man von überall fernsehen kann. Und es gibt ein Bett, das man aus der Schrankwand klappen kann und das man nie bemerken würde, wenn man nicht wüsste, dass es da ist; ein bisschen wie aus einem James-Bond-Film. Nicht dass wir es jemals benutzen – aber einfach die Tatsache, dass es da ist, fühlt sich ein bisschen extravagant und geheimnisvoll an. Und zur Begrüßung steht ein Teller mit Süßigkeiten auf dem Tisch. Ich überlasse die Süßigkeiten Craig und bringe lieber schnell meine Taschen in unser gemeinsames Zimmer, damit ich mir das bessere Bett am Fenster reservieren kann.
    Ich kann es nicht leiden, das Zimmer mit Craig teilen zu müssen. Erstens schnarcht und grunzt er die ganze Nacht, und wenn ich ins Bett gehe, muss ich im Dunkel herumtasten, damit ich ihn nicht wecke. Morgens überschüttet er mich dann immer mit lauter dummem Zeug und erzählt mir, dass er von Monstern geträumt hat, die aus Wackelpudding sind. Und zweitens …
    »Mach Platz, Schwester.«
    Wie aufs Stichwort kommt das kleine Monster reingestürmt, schmeißt seinen Rucksack auf das andere

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