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Die Rebellen von Irland

Die Rebellen von Irland

Titel: Die Rebellen von Irland
Autoren: Edward Rutherfurd
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Juwel seinem Sohn anzuvertrauen, den ihre Schönheit und ihr Charakter so tief beeindruckt hatten.
    Martin musste jetzt wenigstens mit dem Dubliner Kaufmann sprechen. Alles andere wäre ein Affront.
    »In dem Brief geht es um eine Verlobung. Ich finde es merkwürdig, dass er um deine Hand bittet, obwohl du seinen Sohn kaum kennst«, sagte er. Für Prinzen mochte es vielleicht angehen, jemanden nur aufgrund des Berichts eines Botschafters und eines Miniatur-Portraits zu heiraten, aber in der Dubliner Gesellschaft gingen Hochzeiten üblicherweise längere Bekanntschaften voraus.
    »Ich würde ihn gern besser kennen lernen, Vater, falls er es mit seinem Interesse ernst meint.«
    »Natürlich, mein Kind.« Er nickte und ließ seinen Blick wieder übers Meer schweifen.
    So entging ihm, wie Orlando seine Schwester ansah, und ebenso der warnende Blick, den sie ihm zuwarf.
    ***
    Orlando war aufgeregt und sehr zufrieden mit sich. Weil er es erraten hatte. Die erste Begegnung hatte im vergangenen Sommer stattgefunden, als Anne aus Frankreich zu einem Besuch nach Hause gekommen war. Sie und Orlando unternahmen einen gemeinsamen Spaziergang und begegneten dem jungen Mann ungefähr eine Meile von ihrem Haus entfernt. Anne und der Mann kannten sich offenbar, aber Orlando erfuhr den Namen des Fremden nicht. Zu dritt schlenderten sie zu einem kleinen Wäldchen, und als sie einen großen umgestürzten Stamm fanden, setzten sich Anne und der Mann nieder und begannen ein Gespräch, während Orlando den umliegenden Wald erkundete. Aus irgendeinem Grund nahm ihm Anne nach dem Spaziergang das Versprechen ab, dieses Treffen nicht zu erwähnen, und es erfüllte ihn mit Stolz, dass seine geliebte Schwester ihn so ins Vertrauen zog.
    Obwohl Anne sechs Jahre älter war als Orlando, spielte sie in seinem Leben eine große Rolle. Er bewunderte seinen älteren Bruder Lawrence zwar wie einen Helden, und Lawrence war auch immer freundlich zu ihm. Aber Lawrence studierte im Ausland und war während Orlandos Kindheit nur selten zu Hause. Anne wurde von Father Benedict zu Hause unterrichtet, in dem Raum neben der Diele, den sie das Schulzimmer nannten. Und sie hatte Orlando das Alphabet schon vor seiner Schulzeit bei Father Benedict beigebracht. An Sommerabenden setzte sie sich oft zu ihm und las ihm vor. Sie strich dann immer ihr volles, braunes Haar zur Seite, so dass Orlando seinen Kopf an ihre Schulter lehnen und die Nase tief in den duftenden Strähnen vergraben konnte, während er ihr zuhörte. Oft erzählte sie ihm selbst erfundene Geschichten über komische Leute und brachte ihn so zum Lachen. Sie war eine wunderbare ältere Schwester.
    Vor zwei Jahren hatte ihr Vater sie zu einer französischen Familie nach Bordeaux geschickt. »Ich will nicht, dass meine Tochter wie ein englisches Provinzmädchen aufwächst«, war seine Begründung gewesen. Anne war zwar nach ihrem ersten Jahr in der Fremde ernster geworden, blieb aber weiterhin eine liebevolle Schwester, und manchmal brach die lustige Anne, die Orlando so liebte, wieder durch. Als sie ihn bat, ihr Geheimnis zu bewahren, wäre er lieber gestorben, als sie zu verraten.
    In den folgenden Wochen ritten sie mehrmals aus, um den jungen Mann zu treffen. Zwei dieser Begegnungen fanden an dem langen Sandstrand vor der kleinen Insel mit der zerklüfteten Klippe statt. Anne und der Mann ritten am Strand entlang, und Orlando spielte solange in den Dünen. Jedes Mal verpflichtete Anne ihn zur Geheimhaltung. Ihren Eltern sagte sie: »Ich bin mit Orlando zum Strand geritten.« Niemand hegte den geringsten Verdacht.
    Als sie diesen Sommer nach Hause gekommen war, kam es zu erneuten Treffen. Gelegentlich gab Anne Orlando auch einen Brief, den dieser dann dem jungen Mann überbringen musste, der in einem nahe gelegenen Waldstück wartete. Aber den Namen des Mannes wusste er immer noch nicht, und er ahnte auch nicht, welche Beziehung ihn und seine Schwester verband. Und als er es ein- oder zweimal wagte, sie danach zu fragen, verwirrten ihn die Antworten seiner Schwester nur noch mehr.
    »Er gibt mir Botschaften für ein anderes Mädchen im Seminar in Frankreich mit. Wir sprechen über sie. Das ist alles.«
    »Wird er sie besuchen?«
    »Eines Tages bestimmt.«
    »Will er sie heiraten?«
    »Das ist ein Geheimnis.«
    »Wie heißt sie? Und wie heißt er? Und warum muss er diese Botschaften dir übergeben? Und warum dürfen wir niemandem davon erzählen?«
    »Das sind alles Geheimnisse. Du bist noch zu jung, um

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