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Die Liebenden von Leningrad

Die Liebenden von Leningrad

Titel: Die Liebenden von Leningrad
Autoren: Paullina Simons
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Schoßhund.
    Tatianas Großeltern, Babuschka und Deda, wohnten im Zimmer nebenan, das mit ihrem durch einen Flur verbunden war. Ab und zu schlief Dascha auf dem kleinen Sofa im Flur, wenn sie spät nach Hause kam und ihre Eltern nicht stören oder keinen Ärger bekommen wollte. Das Flursofa war nur anderthalb Meter lang und somit eher für Tatiana geeignet, denn sie war noch nicht so groß. Aber Tatiana brauchte nicht im Flur zu schlafen. Sie kam im Gegensatz zu Dascha selten spät nach Hause.
    »Wo ist Pascha?«, fragte Tatiana.
    »Er frühstückt gerade«, erwiderte Mama. Sie konnte nicht still stehen. Während Papa bewegungslos auf dem alten Sofa saß, wuselte Mama geschäftig um ihn herum, räumte leere Zigarettenschachteln weg, rückte Bücher auf dem Regal gerade und wischte mit der Hand über den kleinen Tisch. Tatiana stand immer noch auf dem Bett und Dascha saß neben ihr. Die Metanows hatten Glück. Sie bewohnten zwei Zimmer und ein Stück des Gemeinschaftsflurs. Vor sechs Jahren hatten sie am Ende des Korridors eine Tür eingesetzt, und dadurch besaßen sie beinahe eine eigene Wohnung. Die Iglenkos am anderen Ende der großen Wohnung schliefen zu sechst in einem Zimmer - direkt neben dem öffentlichen Flur. Das war wirklich Pech. Die Sonne schien durch die weißen Gardinen, die sich im Wind bewegten.
    Tatiana wusste, dass ihr nur ein kurzer Moment blieb, sich die Möglichkeiten des Tages auszumalen. Gleich würde alles vorüber sein. Und doch ... die Sonne, die ins Zimmer schien, das ferne Rumpeln der Busse, das durch das offene Fenster drang, der leichte Wind ...
    Das war der Teil des Sonntags, den Tatiana am meisten liebte: der Anfang.
    Pascha kam mit Deda und Babuschka herein. Obwohl er Tatianas Zwillingsbruder war, sah er ihr überhaupt nicht ähnlich. Er war ein stämmiger, dunkelhaariger Junge, eine kleinere Ausgabe seines Vaters. Er nickte Tatiana kurz zu und formte lautlos mit den Lippen: »Hübsche Frisur.«
    Tatiana streckte ihm die Zunge raus. Sie hatte sich die Haare weder gekämmt noch zusammengebunden. Pascha setzte sich auf seine niedrige Liege und Babuschka kuschelte sich neben ihn. Weil sie die größte der Metanows war, fragte die ganze Familie sie in allen Angelegenheiten um Rat, außer, wenn es um Moralfragen ging. In diesem Fall wandte man sich besser an Deda. Babuschka war eine silberhaarige, ernste und imposante ältere Frau. Ihr Mann Deda hingegen war dunkelhaarig, lieb und demütig. Er setzte sich neben Papa auf das Sofa und murmelte: »Es ist etwas Großes, Sohn.« Papa nickte besorgt.
    Mama fuhr nervös fort, Ordnung zu schaffen. Tatiana sah zu, wie Babuschka Paschas Rücken streichelte. »Pascha«, flüsterte sie und rutschte ans Fußende des Bettes, »wollen wir nachher in den Taurischen Garten gehen? Heute schlage ich dich beim Kriegspielen!«
    »Träum weiter«, erwiderte Pascha. »Du schlägst mich nie im Leben.«
    Aus dem Radio drangen klickende Geräusche. Es war 12.30 Uhr am 22. Juni 1941.
    »Tania, sei ruhig und setz dich«, befahl Papa seiner Tochter. »Sie fangen an. Irina, setz dich auch hin.« Genosse Wjatscheslaw Molotow, Joseph Stalins Außenminister, begann:
    »Männer und Frauen, Bürger der Sowjetunion - die sowjetische Regierung und ihr Präsident, Genosse Stalin, haben mich angewiesen, Folgendes bekannt zu geben. Um vier Uhr morgens haben deutsche Streitkräfte den Krieg in unser Land gebracht, ohne dass der Sowjetunion irgendeine Begründung oder Kriegserklärung übermittelt wurde. Kiew, Sebastopol, Kowno und andere Städte wurden bombardiert. Der Angriff gegen die Sowjetunion wurde trotz der Tatsache unternommen, dass zwischen Deutschland und Russland ein Nichtangriffspakt besteht, der von uns bis in die kleinsten Einzelheiten in verantwortungsvoller Weise eingehalten wurde. Wir sind angegriffen worden, obwohl die deutsche Regierung nicht die geringste Beschwerde darüber geäußert hat, dass die UdSSR ihre Verpflichtungen nicht erfüllt habe ... Die Regierung fordert euch, Männer und Frauen der Sowjetunion, auf, euch noch stärker der glorreichen bolschewistischen Partei, der sowjetischen Regierung und unserem großen Führer, dem Genossen Stalin, zu verpflichten. Unsere Sache ist gerecht. Wir werden den Feind zermalmen. Der Sieg wird unser sein.«
    Im Radio wurde es still und die Familie saß schweigend und wie erstarrt da.
    Schließlich sagte Papa: »Oh, mein Gott.« Er starrte Pascha an. Mama sagte: »Wir müssen sofort unser Geld von der Bank

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