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Die Legenden der Vaeter

Die Legenden der Vaeter

Titel: Die Legenden der Vaeter
Autoren: Kolja Mensing
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zusammen mit ein paar alten Aufnahmen von Józef und Marianne aus Fürstenau, die Józef meinem Vater in den siebziger Jahren offenbar mit der Post geschickt hatte.
    Nachdem sie den Mittwoch, Allerheiligen, in Annas |230| Wohnung verbracht hatten, und zwischen Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Abendessen nur Zeit für einen kurzen Spaziergang geblieben war, machten sie am nächsten Tag mit Józef, Ryszard und Henryk einen Ausflug zum Wallfahrtsort Tschenstochau. Allerseelen war die Stadt überfüllt mit Pilgern, und im Pauliner-Kloster, das auf einem Hügel über der Stadt thronte, schoben sich Menschenmassen durch die schmalen Gänge, um einen Blick auf das Bild der Schwarzen Madonna zu werfen.
    Am Nachmittag besuchten sie alle zusammen mit den Kindern den Friedhof in Lublinitz, auf dem Lenas verstorbener Mann begraben lag. Die Gräber waren festlich geschmückt, und vor den Toren des Friedhofs waren Buden aufgebaut worden, an denen Blumengestecke, Kerzen und Devotionalien verkauft wurden, bestickte Tücher und Gebäck. Es herrschte eine Art Volksfeststimmung. Meine Eltern kauften an einem der Stände riesige rote Lutscher, die die Form von Schmetterlingen hatten, und Henryks Kinder hielten sie für eines der Fotos, die mein Vater damals machte, stolz in die Kamera.
    Am nächsten Morgen brachen meine Eltern in aller Frühe auf. Anna hatte ihnen für die Fahrt einen Marmorkuchen gebacken, mit dem Kakao, den meine Mutter mitgebracht hatte. Umarmungen wurden getauscht, Küsse auf Wangen gedrückt. Anna und Ryszard, Lena und Bogdan, Henryk und Bronia und ihre Kinder standen am Straßenrand und winkten. Als meine Eltern losfuhren, trat Józef aus der kleinen Gruppe der Verwandten heraus, stellte sich in die Mitte der Fahrbahn, um dem Auto nachzusehen, eine Hand zum Abschied erhoben, in der anderen eine brennende Zigarette.
    |231| Die Sonne war gerade erst aufgegangen. Die Straße zwischen Lublinitz und Oppeln lag im Nebel, und wenn sie an Friedhöfen vorbeikamen, tanzten zwischen den weißen Schwaden die flackernden Flammen der Windlichter, die die ganze Nacht über auf den geschmückten Gräbern gebrannt hatten. Wenn mein Vater in den Rückspiegel blickte, meinte er, inmitten dieser Traumlandschaft eine hagere Gestalt zu erkennen, die langsam ihre Konturen verlor. Józef verwandelte sich wieder in jene Phantasiefigur, die ihn sein Leben lang begleitet hatte und die er niemals für einen richtigen Vater hergegeben hätte.
     
    Das Fotoalbum, das bei meinen Eltern steht, ist nur halb gefüllt, als hätten sie mit Absicht Platz gelassen für Bilder von weiteren Besuchen. Tatsächlich hatten sie mit Józef Pläne geschmiedet. Das nächste Mal, so war es verabredet worden, würden meine Eltern meine Schwester und mich nach Polen mitnehmen, man würde von Steblau aus mit Józef nach Krakau fahren und vielleicht sogar für einige Tage nach Masuren oder nach Zakopane in die Berge.
    Doch nach dem Besuch in Steblau kam nur noch ein einziger Brief, im Januar 1979, in dem Józef berichtete, dass er den Taschenrechner, den meine Eltern ihm mitgebracht hatten, unter der Hand gegen einen gebrauchten Fernsehapparat eingetauscht hatte. Mein Vater hat ihm nie geantwortet. Als im Dezember 1981 in Polen der Ausnahmezustand erklärt wurde, das Kriegsrecht, wie es damals in den Nachrichten hieß, hatten sie keinen Kontakt mehr. Das war das Ende der Geschichte. Józef Koźlik verschwand für immer im Nebel.

 
    |232| E s ist der Herbst des Jahres 1984. Ich bin dreizehn Jahre alt, und das alte Haus mit dem verwilderten Garten, in dem ich mit meinen Eltern gewohnt habe, ist dabei, eine Erinnerung zu werden, genau wie das dunkle Wasser in den Gräben, die durch das Moor verliefen, und das helle, scharfe Gras, das zwischen den Birken wuchs und mir im Sommer in die bloßen Beine schnitt. In den großen Ferien waren wir umgezogen, in eine Neubausiedlung am Rand einer Kleinstadt.
    Die Kaffeemaschine läuft. Wir sind gerade mit dem Mittagessen fertig, als es an der Tür klingelt. Mein Vater sieht auf die Wanduhr, die über dem Regal mit den Kochbüchern hängt. Es ist halb zwei, Mittagsstunde. Niemand in der Siedlung klingelt um diese Zeit bei seinen Nachbarn. Meine Mutter steht auf und geht zur Tür. Als sie zurückkommt, hält sie einen Umschlag in der Hand. »Es ist ein Telegramm«, sagt sie. »Aus Polen.« Mein Vater zögert, dann reißt er den Umschlag auf und überfliegt die Zeilen auf dem dünnen Blatt Papier. »Józef ist tot«, sagt er,

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