Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Die Klinik

Die Klinik

Titel: Die Klinik
Autoren: Noah Gordon
Ads
PROLOG
    Als Spurgeon Robinson drei Wochen lang in Sechsunddreißig-Stunden-Schichten als Begleitarzt mit den Krankenwagen gefahren war, ging ihm der Fahrer Meyerson schon längst auf die Nerven, das viele geronnene Blut, all die Verletzungen zermürbten ihn, und sein Dienst gefiel ihm ganz und gar nicht. Er entdeckte, daß er mitunter entrinnen konnte, wenn er seine Phantasie spielen ließ, und auf der jetzigen Fahrt hatte er sich soeben eingeredet, daß er nicht in einem Krankenwagen saß; es war ein gottverdammtes Raumschiff, er war kein Spitalsarzt mehr, sondern der erste Schwarze im Weltraum. Das Sirenengeheul war der zu Klang verwandelte Schubstrahl.
    Maish Meyerson, der Lümmel, weigerte sich jedoch, mitzumachen und den Piloten zu spielen. »Wer vabrennt«, schnauzte er den eigensinnigen Fahrer eines Chrysler Convertible an, als er ihn mit dem Krankenwagen schnitt.
    In einer Stadt wie New York hätten sie vielleicht die Baustelle nur schwer finden können, in Boston jedoch gab es noch immer erst wenige wirklich hohe Gebäude. Das kahle, skelettartige Metallgerüst mit seiner roten Rostschutzfarbe stieß wie ein blutiger Finger in den grauen Himmel.
    Dieser Finger winkte sie geradewegs zum Schauplatz des Unfalls. Noch während die Sirene wimmernd verklang, warf Spurgeon schon die Wagentür hinter sich zu, und langsam löste sich der Menschenknäuel um die auf dem Boden liegende Gestalt.
    Spurgeon kauerte sich neben den Mann. Die unbeschädigte Kopfhälfte verriet ihm, daß der Mann noch jung war.
    Seine Augen waren geschlossen. Ein dünnes Geriesel tropfte von dem fleischigen Ohrläppchen.
    »Einer hat einen Schraubenschlüssel aus dem dritten Stock fallen lassen«, sagte ein beleibter Mann, der Polier, als Antwort auf die nicht gestellte Frage.
    Spurgeon teilte das verfilzte Haar mit den Fingern und spürte, wie sich die Knochenstückchen lose und scharfkantig wie zertrümmerte Eierschalen unter dem zerfetzten Fleisch bewegten. Wahrscheinlich zerebrospinale Flüssigkeit, die aus dem Ohr kam, dachte er. Es hatte keinen Sinn, die Wunde zu säubern, solange der arme Kerl auf dem Boden lag, entschied er, nahm einen sterilen Mulltupfer und legte ihn auf die Wunde, wo er sich sofort rot färbte.
    Der Hosenlatz des Mannes war offen und ließ seinen Penis sehen. Der dickwanstige Polier sah, daß Spurgeon es bemerkte. »Er war gerade beim Pissen«, sagte er, und Spurgeon sah das Bild des Arbeiters vor sich, der den Druck seiner Blase erleichterte und eine perverse Genugtuung daraus bezog, das Gebäude, das er errichten half, zu taufen; und der Schraubenschlüssel fiel und fiel und fiel, unbeirrbar und genau, als protestierte Gott gegen schmutzige kleine menschliche Handlungen.
    Der Polier kaute an seiner kalten Zigarre und blickte auf den Verletzten. »Er heißt Paul Connors. Ich sage den Schweinehunden immer wieder, setzt die Helme auf. Wird er sterben?«
    »Man kann von hier aus nicht viel sagen«, sagte Spurgeon. Er schob das eine geschlossene Augenlid hoch und sah, daß die Pupille erweitert war. Der Puls war sehr schwach.
    Der Dicke sah ihn mißtrauisch an. »Sind Sie Arzt?« Ein Schwarzer?
    »Ja.«
    »Geben Sie ihm etwas gegen die Schmerzen?«
    »Er spürt keine Schmerzen.«
    Spurgeon half Maish die Tragbahre herausholen, und sie luden Paul Connors in den Krankenwagen.
    »He!« schrie der Polier, als Spurgeon die Tür schließen wollte.
    »Ich fahre mit.«
    »Gegen die Vorschrift«, log Spurgeon.
    »Bin früher auch immer mitgefahren«, sagte der Mann unsicher.
    »Von welchem Krankenhaus sind Sie?«
    »County General.« Spurgeon zog an der Tür und ließ sie heftig ins Schloß fallen. Vorne startete Meyerson den Motor. Der Krankenwagen fuhr mit einem Ruck los. Der Patient atmete flach und unregelmäßig. Spurgeon befestigte den Beatmungsschlauch aus schwarzem Gummi in Connors’ Mund so, daß die Zunge nicht dazwischen kommen konnte, und drehte den Respirator auf. Er legte die Maske auf das Gesicht des Patienten, und der Sauerstoff aus dem Zylinder begann in schnellen kurzen Stößen, die wie das Rülpsen eines Babys klangen, einzuströmen. Die Sirene fing mit einem kurzen Aufstöhnen zu heulen an, und wieder entrollte sich ein dickes Band elektronischer Geräusche hinter dem Krankenwagen. Seine Räder sausten kreischend über die Fahrbahn. Spurgeon überlegte wie er den Vorfall als Musikstück instrumentieren würde. Trommeln, Hörner, sonstige Blasinstrumente. Man konnte alles verwenden. Fast alles.
    Geigen

Weitere Kostenlose Bücher

Satans Bruder
Satans Bruder von Jonathan Kellerman
Good bye Diaeten
Good bye Diaeten von Brigitta Lock
Die Bäckereiüberfälle
Die Bäckereiüberfälle von Haruki Murakami , Kat Menschik
Tödliche Gier
Tödliche Gier von Sue Grafton