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Die Hexe und der Leichendieb: Historischer Roman (German Edition)

Die Hexe und der Leichendieb: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Hexe und der Leichendieb: Historischer Roman (German Edition)
Autoren: Helga Glaesener
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Wildenburg in der Eifel,
im Januar 1632
       er Mann, den sie hinrichten wollten, war schön. Er hatte safrangelbes, lockiges Haar, das ihm der Wind aus dem Gesicht blies, so zärtlich, als wollte er ihn das Grauen der letzten Tage vergessen machen. Seine Augen spiegelten das gläserne Blau des Winterhimmels wider. Sein Lächeln – er lächelte, trotz der Schmerzen, die er litt – wirkte aufgekratzt. Natürlich ging er krumm, kaum dass er sich auf den Beinen halten konnte. Langsam schlurfte er über die Steine, mit denen Marsilius den Innenhof beim Palas hatte pflastern lassen. Sein Arm war gebrochen, und die Fetzen, die ihm am Leib hingen, starrten vor Schmutz und Blut. Er wusste, dass er sterben würde. Und er tat, als machte ihm das nichts aus.
    Fröstelnd zog Sophie ihren Mantel enger um das Wollkleid. Ihr Blick folgte der grauen Katze, die auf der äußeren Burgmauer stolzierte und nach einer Stelle suchte, von der aus sie über den Hang hinab in die Felder klettern konnte. Sophie wünschte sich von Herzen, dass sie ihr folgen könnte. Rennen und rennen, bis sie nach Hause kam. Aber das ging natürlich nicht. Sie war jetzt verheiratet und musste auf dem Burghof ausharren, wie Marsilius, ihr Ehemann, es angeordnet hatte. Ich weiß, Mutter, dachte sie, ich weiß.
    Der Morgen war sonnig. Von der Dachrinne des Palas tropften die Eiszapfen, und auf dem Wohnturm quietschte der Wettervogel. Unter dem Wehrgang, der sich vom Hexenturm um den Burghof zog, versuchten einige verwurmte Köter, einander einen Knochen abzujagen. Ein alter Mann, der als verrückt galt, pinkelte gegen die windschiefe Wand der Brennholzhütte. Mein Reich, dachte Sophie, und ihr strich eine Gänsehaut über den Rücken. Sie war siebzehn Jahre alt – und fühlte sich wie hundert.
    Beklommen sah sie zu, wie der Verurteilte stehen blieb. Er hob das Gesicht zu dem Gerüst, das Marsilius im Schatten des Palas hatte errichten lassen. Auf dem Holzblock, auf den man gleich seinen Kopf drücken würde, lag eine Schicht flauschiger Schneeflocken. Ein sanftes, kaltes Kissen. Neben dem Block stand der von Eisenringen umfasste alte Holzeimer, in den der Henker seinen Kopf werfen würde, nachdem er ihn triumphierend vor dem Publikum in die Höhe gehalten hatte. Hatte der Mann dieses Bild ebenfalls vor sich? Sophie sah, wie seine Lippen sich kräuselten.
    Sie zuckte zusammen, als sich mit wildem Geschrei ein Krähenschwarm vom Dach des Palas hob. Es war, als wüssten die Vögel, dass ihnen eine Mahlzeit bevorstand. Ihr wurde übel. Nicht nur ein bisschen schwummrig, sondern richtig mit einem Würgen. Verkrampft atmete sie in den Bauch hinein. Himmel, das fehlte noch, dass sie sich vor dem versammelten Gesinde übergab! Sie war seit drei Wochen Herrin der Burg, aber niemand gehorchte ihr, und ihr Mann platzte vor Ungeduld, weil sie nichts richtig machte. Sie musste sich zusammenreißen. Marsilius hatte befohlen, dass jeder Burgbewohner bei der Hinrichtung anwesend sein sollte, also würde sie es durchstehen.
    Sie sah, wie der Henker dem Verurteilten einen Stoß in den Rücken versetzte. Der Mann gab einen Schmerzenslaut von sich und murmelte, während er sich wieder in Bewegung setzte: »Wozu die Eile, Dreckskerl? Dein Herr ist noch nicht da. Soll er den besten Teil verpassen?« Obwohl er leise sprach, drangen die Worte über den Hof. Einige vom Gesinde lachten.
    »Der kommt schon noch, halt uns nicht auf«, brummte der Henker. Es gab in der Wildenburger Herrschaft noch keinen Scharfrichter. Marsilius hatte einen der Söldner, die der Krieg vor sein Burgtor geschwemmt hatte, mit der Hinrichtung beauftragt. Der Mann war jung. Er hinkte stark und schien betrunken zu sein. Sie hörte ihn verdrossen fluchen. Wer einen Menschen hinrichtete, fiel so tief, wie ein Christ nur fallen konnte. Er wurde ehrlos und durfte kein Handwerk mehr ausüben und nicht einmal bei anständigen Männern in der Schenke am selben Tisch sitzen. Vielleicht bekümmerte den Burschen das. Aber vielleicht wurmte ihn auch nur das harte Stück Arbeit, das ihm bevorstand. Es würde Kraft kosten, dem Blonden den Kopf vom kräftigen Hals zu schlagen, und wenn es nicht auf Anhieb gelang, vielleicht nicht einmal beim dritten oder vierten Hieb, richtete sich der Zorn der Menge oft gegen den Henker selbst. Aber hier nicht, dachte Sophie. Dafür hatten die Burgmannen zu viel Angst vor ihrem Herrn. Und Marsilius würde es vielleicht sogar gefallen, wenn die ersten Hiebe nicht gar zu genau

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