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Die Godin

Die Godin

Titel: Die Godin
Autoren: Robert Hueltner
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Der Wegmacher wollte wieder davon erzählen, wie einmal der Himmel auf Sarzhofen gefallen, der Eglinger Alois dabei zu Tode gekommen sei und das Elend über die Aichingerischen, aber man ließ ihn nicht.
    »Es ist doch schon so lang her, Wegmacher«, sagte der Wirt, ohne den alten Mann anzusehen, und hielt einen Bierkrug unter den Zapfhahn.
    Der Landthaler spuckte auf den Boden und griff nach den Spielkarten, die der Reither ausgegeben hatte. »Dasselbe mein ich auch«, pflichtete er dem Wirt bei. »Laß uns endlich in Ruh mit der Geschieht. Ein jeder kennt sie.«
    Der alte Wegmacher jedoch hörte nicht. Störrisch wiederholte er jene Worte, mit denen alle Geschichten auf dem Land beginnen: »Leut, ich lüg euch nicht an…«
    Das Ritual will eigentlich, daß die Zuhörer zunächst lautstarken Zweifel an dieser Behauptung äußern, woraufhin der Erzähler seine Versicherung zu erneuern hat. Doch, wie neugierig man auf das Kommende auch sein mag, so wenig darf auch jener Bekräftigung Glauben geschenkt werden: »Geh zu! Du allerweil mit deiner Fabelei!«
    Ein paarmal darf das hin und her gehen. Es hat seine Grenzen aber dann, wenn der Erzählende nicht mehr anders kann, als sich schließlich in die Rolle des gekränkten Wissenden zurückzuziehen, welcher es durchaus nicht nötig hat, seine Weisheiten Unwürdigen mitzuteilen. Doch mit einem gnädigen »Dann red halt, in Gottsnam« wird dies rechtzeitig verhindert.
    Die drei Männer dagegen, die sich an diesem Augustabend in der Sarzhofener Gaststätte »Zum Nauferger« zum Kartenspiel getroffen hatten, machten keine Anstalten, ein anderes Spiel zu spielen als jenes, welches der Reither soeben gemischt hatte.
    Der Stadler sandte einen geschmerzten Blick zum schwarzgeräucherten Plafond. »Sagt ja auch niemand, daß du lügst, Michl«, stöhnte er, »aber jetzt gibst eine Ruh. Wir spielen Karten.«
    »Gewiß wahr, ich lüg euch nicht an…«, wiederholte der Wegmacher Michl. Er knetete seine fleckigen Finger und blickte ins Nichts.
    Die Kiefer des Landthaler mahlten. »Streng wird gespielt, habts gehört?« mahnte er die anderen beherrscht. »Einen wenn ich beim Schwindeln erwisch!«
    »Freilich.« Der Reither tat unschuldig und gab seinem Nebenmann einen leichten Stoß mit der Fußspitze. »Wer gibt?«
    »… es ist gewesen im Vierer Jahr, wie…«
    »Deine Goschn, Wegmacher!« fauchte der Landthaler.
    »… im Vierer Jahr, wie der Teufelsstein im Schatzberger Wald auf einmal angefangen hat zu schwitzen…«
    Zornig wandte sich nun auch der Reither um. »Wir spielen! Hörst nicht? Bring uns nicht draus, sonst werden wir grantig!«
    »… auf einmal angefangen hat zu schwitzen, und wie…«
    Krachend patschte die geöffnete Hand des Landthalers auf den Tisch. Er stand auf, ging zur Ofenbank und stellte sich breit vor den Alten. Seine zur Faust geballte rechte Hand pendelte drohend. Der Wegmacher duckte sich ängstlich.
    Wortlos kehrte der Landthaler an den Tisch zurück.
    »Das hat er verstanden«, stellte der Reither befriedigt fest.
    Der Wirt atmete erleichtert auf, griff nach den gefüllten Krügen und trug sie an den Tisch.
    »Wißts ja, wie er ist. Er hört nimmer gut«, versuchte er auszugleichen.
    »Der hört ganz gut, da täusch dich nicht«, widersprach der Landthaler ärgerlich.
    »Schon«, wußte der Stadler, »aber er kanns nimmer deuten.«
    »Was für eine Krankheit das ist«, schüttelte der Wirt den Kopf, »hört und sieht, aber kanns nimmer deuten.«
    »Die Krankheit hast du auch hie und da«, stichelte der Stadler boshaft. Der Wirt lachte.
    »Aber bloß dann, wenn du ein halbes Jahr bei mir anschreiben laßt, nicht ans Zahlen denkst und allerweil noch eine Halbe willst!«
    »Dafür kommst auch in den Himmel, Nauferger. Ist dir das gar nichs wert?«
    »Und das verdank ich dann dir, Stadler.«
    »So ist es. Selig sind, die die Durstigen tränken, heißts in der Heiligen Schrift.«
    »fetzt spiel!« unterbrach der Landthaler ungeduldig. Der Stadler überlegte einen Augenblick, zog eine Karte und schlug sie auf die Tischplatte.
    »Liegt schon!«
    Der Landthaler betrachtete mit zusammengekniffenen Augen sein Spiel und überlegte. Er wirkte angestrengt.
    ».. .ich lüg euch nicht an!« brabbelte der Alte.
    Das Gesicht des Bauern wurde krebsrot. Heftig stand er auf. Sein Stuhl kippte und polterte zu Boden.
    »Wegmacher!« schrie er unbeherrscht. Der Wirt sah alarmiert auf.
    »Spinn dich aus, Landthaler«, sagte der Stadler ruhig, »was regst dich denn

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