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Die Fotografin

Die Fotografin

Titel: Die Fotografin
Autoren: Anne Chaplet
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1
    W enn du nur einmal die Teetasse auf dem Küchentisch stehengelassen hättest und das Frühstücksbrettchen mit dem gebrauchten Buttermesser. Wenn du wenigstens die Wohnungstür hinter dir zugeschlagen hättest. Aber du bist gegangen wie an jedem anderen Tag: spurlos und lautlos. Voller Rücksichtnahme. Mit gebundenem Schlips, gebügelten Hosen, tadellos sitzendem Jackett, die Mütze unterm Arm. So wie immer. Nur einen Zettel hast du dagelassen auf dem Küchentisch:
    »Bin rechtzeitig zurück.«
    Hättest du es nicht wenigstens an diesem Tag anders machen können? Dich auf die andere Seite drehen, verschlafen, dein Pflichtgefühl vergessen? Dumme Frage. Es wäre dir nicht in den Sinn gekommen. Niemals hättest du das Auto in der Garage gelassen, den Luxusschlitten, auf den du stolzer warst, als wenn es dein eigener gewesen wäre, und dessen technische Daten du herunterbeten konntest wie die Meisterschaftssiege von Hertha BSC – der neue Mercedes 560 SEL.
    Cremeweiß. Acht Zylinder. 300 PS.
    Was wäre schon passiert, wenn du ihn nicht vom Flughafen abgeholt hättest, den Herrn? Wenn er sich ein Taxi hätte nehmen müssen?
    Undenkbar? Bestimmt warst du mindestens eine Viertelstunde zu früh da. »Sicher ist sicher«, höre ich dich sagen. Und: »Wer weiß, wozu es gut ist.«
    Sicher ist sicher.
    Und so seid ihr ins Büro gefahren. Du hast gewartet, während er Telefongespräche erledigte und die Unterschriftenmappe durcharbeitete. Du hast ihn zur Sitzung nach Bonn gefahren und dann noch einmal zurück ins Büro. Und dann…
    »Bin rechtzeitig zurück.« Ein Zettel auf dem Küchentisch. Jetzt liegt er im Fotoalbum, mehrfach zusammengeknüllt, ebensooft wieder auseinandergefaltet und glattgestrichen.
    Das Fußballspiel ging übrigens 2:2 aus. Ich habe alleine vor dem Fernseher gesessen und geheult bei jedem Tor.
    Du hättest es schaffen können. Es war erst 17 Uhr, als du ihn nach Hause fahren durftest. Alles hätte gutgehen können, für dich, für ihn, für Lemperle (25), Seiler (41), Brandi (32). Es war ein milder Tag im Spätsommer 1986, der Himmel leicht bewölkt, eine Ahnung von kühleren Tagen schon in der Luft, auf den Straßen sicherlich nicht mehr Verkehr als üblich. Und du kanntest die Strecke im Schlaf.
    Hast du wirklich nie Angst gehabt? Bist du nie nachts aufgewacht und hast dir ausgemalt, was passieren könnte, wenn?
    Wenn du wenigstens eine andere Strecke gefahren wärst als die gewohnte, die vertraute. Aber du mochtest die Merkstraße mit ihren vielen schäbigen Lädchen und dem Getümmel auf den Bürgersteigen, die Würstchenbude am Ebertplatz, an der zu jeder Tageszeit jemand mit der Bierflasche in der Hand herumsteht. Du liebtest das Blumengeschäft, vor dem im Herbst immer dicke gelbe und rote und bronzefarbene Chrysanthemen standen. Heute kann man da Brillen kaufen. Den Friseurladen, »Salon Frenzl, Damen und Herren«, gibt es noch, aber seit zwei Jahren steht über der Tür mit lila Schrift auf weißem Hintergrund »Gitti’s Langhaarkonzept«.
    Es war Montag. Montags haben Friseurgeschäfte zu. Und du durftest sowieso alles nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen, das hast du jedenfalls immer behauptet. Weil du dich konzentrieren mußtest, denn hinter dem Friseurladen wird die Straße breiter, der Verkehr dichter. Hast du wenigstens einen Blick gewagt zu den letzten Rosen in den Vorgärten vor den Gründerzeithäusern? Saßen noch Gäste an den langen Holztischen im Gärtchen vor dem Italiener, der heute ein Thailänder ist?
    Immer bist du hier entlanggefahren. Ein Mann, treu wie Gold, der schon zehn Meter vor einer Ampel den Fuß vorsorglich vom Gas nahm und vor jedem Zebrastreifen bremste. Und der nie zugeben wollte, daß ihn der Job ein bißchen mürbe gemacht hat im Laufe der Jahre. Weshalb du eines Tages eine Matte aus dicken braunen Holzkugeln auf den edlen Ledersitz der Limousine geschnallt hast – »darauf schwören Taxifahrer«, hast du behauptet. Der Herr nahm es mit Humor. »Solange nicht demnächst ein gehäkelter Klorollenüberzieher auf der Hutablage liegt«, soll er gesagt haben.
    Du hättest noch eine Chance gehabt. Vielleicht hättest du noch eine Chance gehabt, wenn du vorzeitig Richtung Luisenstraße abgebogen wärst, vor der großen Kreuzung, in deren Mitte heute wieder der Mozartbrunnen steht. Und dann, nur eine Seitenstraße weiter…
    Aber das hättest du nur gemacht, wenn da mehr als ein vager Verdacht gewesen wäre. Ein deutlicher Hinweis. Etwas, das vermocht hätte,

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