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Die Fallen von Ibex

Die Fallen von Ibex

Titel: Die Fallen von Ibex
Autoren: Jo Clayton
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saß ganz still, und ihr Blick war nach innen gewandt, und die Hände ruhten in ihrem Schoß. Der Azdar kam. Er starrte sie an, und die blasse Spitze seiner Zunge bewegte sich immer rundherum auf seinen Lippen. Sie betrachtete ihn kühl und senkte dann den Blick. Er streckte die Hand aus; seine Finger wühlten sich in die Haare über ihrem Genick. „Wie heißt du, Weib?” herrschte er sie an, und seine Stimme war das Knurren eines wilden Tieres. „Du kommst mit mir, ich bezahle gut.”
    Sie schien ihn kaum zu sehen, auch dann nicht, als er ihren Kopf hoch und nach hinten zwang.
    Einer der Wagenleute kam in den von der Silberlaterne geworfenen Lichtkreis, ein untersetzter, dunkelhäutiger Mann mit harten schwarzen Augen. Er hatte Muskeln wie ein Gav-Bulle, und sein Mund war klein und fest und habgierig; die Lippen waren fleischig. Er lächelte, als er vor die Frau trat. Aus seinem Gürtel zog er eine Sharag. Er ließ die ausgefransten Stränge vor ihr baumeln und fauchte: „Rede, Frau, sag diesem feinen Herrn deinen Namen.”
    Die Gleichgültigkeit wich aus ihrem Gesicht, und das fieberhafte Glitzern in ihren Augen brannte heißer. Die Veränderung, die diese Belebung in ihr bewirkte, war verblüffend. Unvermittelt war sie statt einer Göttin aus Marmor und Kupfer ein lebenssprühendes, leidenschaftliches Wesen aus Fleisch und Blut. „Shareem Atennanthan von Vrithian.” Sie spie ihm die Worte entgegen.
    Azdar drängte sich an dem Mann vorbei, zerrte die Frau hoch und warf sie sich über die Schulter. „Ich schicke den Preis morgen.
    Azdars Verpflichtung.”
    Und so komme ich ins Spiel, dachte Aleytys. Wie altertümlich und unwirklich mir das vorkommt.
    Sie trug Grau von Kopf bis Fuß, eine schmucke graue Bordkombination, einen langen, weiten grauen Wollumhang, mit Silberpelz gesäumt, graue Wildlederstiefel, graue Wildlederhandschuhe und einen ebenfalls grauen Chiffon-Turban um den Kopf geschlungen, die Enden über Kreuz festgezurrt, so daß ihre Haare verborgen und die Gesichtszüge von der Nasenmitte bis zum Kinn verschleiert waren. Das war sehr vonnöten, weil ihr Gesicht und ihre Haare momentan ein wenig zu sehr bekannt wurden. Es war eine Sache, Kenton Esgard gegenüberzutreten, und eine andere, sich in der Enklave als Wolffs bekanntester Jäger zu erkennen zu geben -auch hier gab es zweifellos mehr als einen, der starke Vorbehalte gegen ihre Anwesenheit hegen könnte.
    Händler schritten in nüchterner Würde die Promenade entlang; allein oder in Gruppen. Die ganze Straße war sichtbar gemachte Diskretion, mit einer verhaltenen Vitalität - wie ein in Innenmauern verborgener Geruch, von dem ein ständiger Hauch nach außen wehte. Die Warengüter hatten ihren Umschlagplatz hoch droben und machten niemals auch nur die flüchtige Bekanntschaft mit der Schwerkraft dieser Welt (das wäre töricht und zudem extrem teuer) ; sie wurden von Frachtraum zu Frachtraum umgeladen oder für eine gewisse Zeit in den Orbit-Lagerhallen aufbewahrt, während der Handel selbst auf festem Boden besorgt wurde - wo man mit seinesgleichen bei einem Drink sitzen und über diese oder jene Möglichkeit plaudern konnte.
    Aleytys schlenderte die Promenade entlang, und der Pelzbesatz ihres Umhangs schlug um ihre gestiefelten Knöchel; ihre Arme schwangen in freier Bewegung, behandschuhte Finger streiften gegen den groben Stoff des langen Mantels. Yastroo-Enklave. Ein unregelmäßiger Kreis, in sechs einigermaßen gleiche Teile zerschnitten, die von der zentralen Kuppel ausgingen, von dort, wo die Nachkommen von Memephexis lebten und die Mieteinnahmen verbuchten und den Betrieb der Enklave überwachten. Sechs Sektoren: Freihändler, empfindlich, argwöhnisch, ständig auf nie ge
    äußerte Verweise reagierend; die Cavaltis-Hegemonie, kriegerisch isoliert, Außenstehende brauchten sich überhaupt nicht zu bewerben; das Sigarit-Imperium, gefährlich, mächtig, ein Block, den man besser in Ruhe ließ, denn dort neigte man dazu, Beleidigungen mit außerordentlicher Brutalität zu rächen, eine Atombombe für eine lästige Mücke; die Chwereva-Gesellschaft, Wei-Chu-Hsien-Gesellschaft, Ffynch-Gesellschaft, man beiße die Zähne zusammen und lese das Kleingedruckte und lasse sich die Lebensmittel von außerhalb schicken, mit anderen Worten: nichts war hier anders als in allen anderen Einflußbereichen der Gesellschaften.
    Ihre Schritte hallten wider; ihre Zehen hoben sich im Rhythmus der Namen, die in ihrem Kopf hämmerten. Kenton Esgard.

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