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Der Vermesser

Der Vermesser

Titel: Der Vermesser
Autoren: Clare Clark
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I

    A n der Stelle, wo der Kanal eine Biegung nach rechts machte,
    konnte man trotz des stärkeren Gefälles nicht mehr aufrecht ste-
    hen. Und obwohl sich William, der die Laterne ausgestreckt vor
    sich hielt, duckte, stieß er mit dem Hut an die schlammüberzo-
    gene Decke. Fäkaliengeruch stach ihm in die Nase. Er konnte die
    Hand nicht ruhig halten, so dass der Lichtschein in der Dunkel-
    heit zitternd hin und her hüpfte. Das Wasser, das durch den
    schmaleren Kanal schoss und immer höher stieg, presste ihm die
    kniehohen, eingefetteten Lederstiefel an die Waden. Das Rau-
    schen übertönte sogar das Klappern der Pferdehufe und der eisen-
    bereiften Räder über ihm. Natürlich – er befand sich bereits in
    großer Tiefe. Zwischen ihm und der gepflasterten Straße lagen
    mindestens sechs Meter schwerer Londoner Lehm, dessen Ge-
    wicht die Dunkelheit noch erdrückender machte. Die morschen
    Backsteine unter seinen Füßen waren tückisch, weich wie Käse-
    krümel., und bei jedem Schritt schmatzte der dicke schwarze
    Schlamm unter seinen Sohlen. Obwohl er so große Erregung
    verspürte, dass ihm die Haare zu Berge standen, zwang sich Wil-
    liam, so langsam und vorsichtig zu gehen, wie es ihm die Aus-
    spüler gezeigt hatten. Er drückte die Fersen fest in den unsiche-
    ren Boden, um dann sein Gewicht über den Fußballen abrollen
    zu lassen, und suchte dabei die Wasseroberfläche nach aufstei-
    genden Blasen ab. Im Schlamm verbargen sich Blasen mit Faul-
    gas, wie die Ausspüler es nannten, und angeblich genügte schon
    der leiseste Hauch, um einen Menschen auf der Stelle ohnmäch-
    tig niedersinken zu lassen, wie von einer Kugel getroffen. Das

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    Wenige, das William über die giftige Wirkung von Schwefelwas-
    serstoff wusste, reichte aus, ihnen vorbehaltlos zu glauben.
    Der fahle Schein seiner Laterne brach sich auf der schwarzen
    Wasseroberfläche und warf den Schatten eines Bösewichts an die
    gewölbte Wand. Ansonsten herrschte vollkommene Finsternis,
    selbst im ersten Tunnelabschnitt, wo Einstiegsgitter direkt nach
    oben auf die Straße führten. Den ganzen Tag hatte dichter Nebel
    über London gehangen, eine schokoladenfarbene Düsternis, die
    nach Schwefel stank und selbst der Morgendämmerung trotz-
    te. Vergeblich drückten die Gaslaternen ihre Lichtkreise in die
    Dunstglocke. Kutschen tauchten jäh aus der Dunkelheit auf,
    und das gedämpfte Getrappel und Wiehern der Pferde ver-
    mengte sich mit den Warnrufen der Kutscher. Fußgänger mit
    tief ins Gesicht gezogenen Hüten und hochgeschlagenen Kragen
    huschten aufeinander zu, um ebenso rasch wieder im Nichts zu
    verschwinden. Die klobigen Schemen der Express-Dampfboote
    auf der Themse erinnerten an eine hingekritzelte Kohlezeich-
    nung, über die ein Kind unachtsam mit dem Ärmel gewischt
    hatte. Jetzt, um fast sechs Uhr abends, war das schmutzige Braun
    des Nachmittags von der Schwärze der Nacht verschluckt wor-
    den. Verstohlen wie ein Kanaljäger schloss William jedes Mal,
    wenn er zu einem Einstiegsgitter kam, die Blende seine Laterne.
    Nicht genug damit, dass er allein umherstreifte, ohne Unter-
    stützung von der Straße aus, was einen groben Verstoß gegen
    die Vorschriften der Baubehörde darstellte. Wie sollte er seine
    Anwesenheit hier erklären, in einem Kanalabschnitt, der erst
    kürzlich für einsturzgefährdet erklärt und geschlossen worden
    war, bis umfangreiche Reparaturarbeiten vorgenommen werden
    konnten? William konnte schwerlich behaupten, er habe davon
    nichts gewusst. Schließlich stammte der Bericht von ihm, in dem
    genau dies gefordert wurde, sein erster offizieller Bericht an die
    Baubehörde:

    9
    Im südlichen Abschnitt des Zweigs in der King Street ist der Ver-
    fall des Backsteinmauerwerks weit fortgeschritten, wobei beson-
    ders die Bogenlaibung unter beträchtlicher Zersetzung leidet.
    Zwar ist davon auszugehen, dass der Gezeitenstrom eine über-
    mäßige Anhäufung von Ablagerungen verhindert, doch die große
    Menge einströmenden Wassers, der der Tunnel bei Flut und schwe-
    ren Regenfällen standhalten muss, stellt eine gravierende Gefahr
    für die Stabilität der gesamten Konstruktion dar. Eine Unterfan-
    gung des Gewölbes ist dringend erforderlich, um dem weiteren
    Verfall entgegenzuwirken. GEFAHR.

    Den Sachverhalt in so präzise Worte zu kleiden hatte ihn befrie-
    digt. Sie zeugten von einer Welt, die mit Methodik und Vernunft
    das Chaos bannte. Als er an seinem ersten Arbeitstag als Assis-
    tent des

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