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Der träumende Diamant 2 - Erdmagie

Titel: Der träumende Diamant 2 - Erdmagie
Autoren: Shana Abé
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beliebt diese Geschichten sind, denn man erzählt sie sich an allen Herdfeuern im gesamten Gebiet der Karpaten. Der Tonfall schwankt zwischen Furcht, Verachtung und Bewunderung, ist jedoch immer von tief empfundener Ernsthaftigkeit geprägt. Für dieses leichtgläubige, einfache Volk der Bergdörfer
gibt es das Drachenvolk tatsächlich. Und je weiter ich in die Bergregionen vordrang, desto mehr stellte ich fest, dass mit zunehmender Höhe der Dörfchen die Wahrscheinlichkeit sank, nachts einen einzigen Mann oder auch nur eine Frau anzutreffen, die den Blick über die zerklüftete Linie des Horizonts erhob. Die Leibeigenen glauben, dass es ein Vorbote äußersten Unheils sei, einen Drachen im Flug zu erblicken.
    Indem ich die Einzelheiten verschiedener Anekdoten zusammenfügte, gelang es mir, einige Fakten hinsichtlich der Drákon herauszufiltern:
    In ihrer menschlichen Gestalt sind sie ausgesprochen überzeugend. Der einzige Zug in ihrer körperlichen Erscheinung, der sie verraten könnte, ist ihre ungewöhnliche Schönheit, von der man sagt, sie verzaubere sogar die abgestumpftesten Schurken.
    In ihrer Drachengestalt sind sie gefährliche Jäger und Kämpfer, die über alle anderen Tiere erhaben sind.
    Und sowohl als Menschen wie als Drachen sind sie leicht durch Edelsteine zu verführen. Je schöner die Steine, desto mächtiger ist der Bann, in den sie diese Kreaturen schlagen. Ein Großteil der Leibeigenen, die ich getroffen habe, trug weiße Stückchen des einheimischen Quarzits um den Hals, von dem man glaubt, er wehre das böse Drachenauge ab.
    Die am weitesten verbreitete Sage von den Drákon dreht sich um eine mittelalterliche Drachenprinzessin, eine blondhaarige Maid, die von einem schlauen, ungehobelten Bauernjungen davongelockt und gewaltsam mit ihm vermählt wurde. Man mag sich wundern, wie ein Bauer eine Braut bezwingen konnte, deren Schicksal es war, sich jede Nacht in
einen Drachen zu verwandeln; die Antwort ist mit einem geheimnisumwitterten Diamanten verbunden, dem der Name Draumr gegeben war (und dessen ungefähre Übersetzung Träumender Diamant lautet). Es handelt sich dabei um einen magischen Stein mit einzigartiger Macht, mit dessen Hilfe es möglich ist, die Drákon zu beherrschen und sie unter Kontrolle zu bringen.
    Man berichtete mir bei einem Gulaschmahl und süßem, rotem Wein, dass Draumr einst dem Drachenvolk gehörte, das ihn höchst eifersüchtig vor den Menschen beschützte, doch er wurde gemeinsam mit der Prinzessin gestohlen. Mit dem magischen Diamanten in der Tasche war der Bauer in der Lage, seine Braut an sich zu binden und ihrer Familie zu trotzen, aus der ein Mitglied nach dem anderen bei dem Versuch umkam, das Mädchen zurückzubringen.
    In einem angemessen tragischen Ende befreite sich die Prinzessin schließlich selbst, indem sie den Bauern im Schlaf ermordete, sich dann jedoch in ein Wassergrab in einem der vielen Minenschächte stürzte, die die Berge durchziehen. Den Diamanten nahm sie mit sich. So kam es, dass weder die Prinzessin noch Draumr jemals wiedergesehen wurden, obwohl man noch immer über die wenigen Seelen spricht, die behaupten, gehört zu haben, wie der Diamant für sie »sang«, gewöhnlich in der Zeit der Dämmerung.
    Offensichtlich schämt man sich nicht zu behaupten, dass es eine Spur von »Drachenblut« im Familienstammbaum gibt.
    Alle stimmen darin überein, dass das Zentrum dieser Sagen eine tatsächlich vorhandene Burg ist, die den Namen Zaharen Yce (Tränen aus Eis) trägt, die einer wirklich existierenden Adelsfamilie gehört, den Zaharen (Prinzen und
Grafen), von denen niemand bereit war, mit dem Autor dieses Buches zu sprechen.
    Am faszinierendsten an all diesen Geschichten, die sich um die Drákon ranken, ist jedoch eine Einzelheit, die nur sehr selten zur Sprache kommt. Es handelt sich dabei um die Andeutung, dass es einst, vor langer Zeit, eine größere Familie des Drachenvolkes als heute gab und dass diese anfängliche Gruppe irgendwie gezwungen wurde, sich zu trennen. Ein Teil der Familie wurde in den Bergen zurückgelassen, während der andere hinaus in die Wildnis der Welt floh und nach einem neuen Heim suchte.
    Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich den Annehmlichkeiten des Tabaks und einem Krug des hervorragenden einheimischen Bieres hinzugeben und dabei darüber nachzusinnen, welchen Ort solch abscheuliche Kreaturen ausgewählt haben mochten, um aus den Lüften zurück zur Erde zu sinken …

1
    Darkfrith, Nordengland

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