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Der träumende Diamant 2 - Erdmagie

Titel: Der träumende Diamant 2 - Erdmagie
Autoren: Shana Abé
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machte dabei einen Bogen um alle Fallen, die er gelegt hatte.
Auch in der wolkenverhangenen Dunkelheit fand er die kleine Treppe und das Schlüsselloch in der Küchentür.
    Im Innern des Hauses erwartete ihn Joseph. Er saß am Tisch an der Seite des Raumes und aß etwas aus einer Schüssel, das nach ziemlich verdorbenem Aal roch.
    »Spät«, knurrte er anstelle einer Begrüßung.
    Zane nahm seinen schief sitzenden Hut ab und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Was auch immer du da zu dir nimmst, ich will nicht, dass du es mir heute Abend ebenfalls vorsetzt. Oder an sonst irgendeinem Abend.«
    Der Mann zog die Augenbrauen in die Höhe; zwischen seinen Narben und der fleckigen Haut zeichnete sich ein verletzter Ausdruck ab. »Es ist ein Rezept meiner Mutter.«
    »Dann kann sie meine Portion getrost auch bekommen.« Er verriegelte die Küchentür ein zweites Mal, öffnete die obersten Knöpfe seines Mantels und machte sich auf den Weg zum Flur und zu seinem Bett, als ihn die Stimme des Mannes abrupt stehen bleiben ließ.
    »Haben einen Besucher.«
    »Ich weiß.«
    »Nicht Mim.«
    Zane warf ihm einen Blick zu. Joseph zuckte mit den Schultern. »Ein Mädchen. Habe es ins Wohnzimmer geführt.«
    »Ein Mädchen«, wiederholte er langsam, »bist du sicher?«
    »Allerdings«, erwiderte Joseph mit übertriebener Bedächtigkeit. »Ich bin mir sicher.«
    Zane drehte sich wieder um und verließ schweigend die Küche.

    Es war dunkel in seinem Haus. Er war mit diesem Zustand aufgewachsen und hatte diese Gepflogenheit übernommen. Ein Haus, dessen Inneres schlecht beleuchtet war, offenbarte weniger von seinen Bewohnern; er zog es vor zu beobachten, aber selbst ungesehen zu bleiben. Doch augenscheinlich hatte Joe das Gefühl gehabt, dass das Mädchen, über das er gesprochen hatte, viel Licht brauchte. Als Zane in der geschwungenen Tür zum Wohnzimmer stehen blieb, sah er, dass jede Lampe entzündet war, ebenso wie ein zweiarmiger Kandelaber im angrenzenden Esszimmer. Es war beinahe taghell; die roten und blaugrünen Muster des Peshawar-Teppichs leuchteten strahlend, ebenso wie die goldgebürsteten Schnitzränder der Gemälde. Der Glanz der satingepolsterten Holzstühle trieb einem das Wasser in die Augen.
    Das Kind saß zusammengesunken auf einem von ihnen; sein Kopf war zurückgelehnt, die Augen waren geschlossen, die Lippen geöffnet. Auf dem Schoß des Mädchens befand sich in gefährlicher Schieflage eine halbgefüllte Tasse Schokolade, und es hatte seine Finger noch immer um den Henkel gebogen. Sein Kittelkleid war von einem mädchenhaften Blau, mit Gänseblümchen übersät, die Absatzschuhe waren schmutzig und die Haare in Unordnung. Weiche Löckchen aus dunklem Gold schmiegten sich sanft an die Wangen. Es sah blass, hager und bemerkenswert schlicht aus trotz der Schönheit dieser Haare. Alles roch nach heißem Wachs und Honig.
    Er stand dort und fühlte, zu seinem milden Erstaunen, keineswegs den erwarteten Zorn, sondern ein tiefes Gefühl der Erleichterung. Um dieses in den Griff zu bekommen, nahm er dem Kind die Tasse aus den Händen und trat hart gegen den Stuhl.

    Sie erwachte sofort, richtete sich auf und strich sich unsicher über den Rock.
    »Lady Amalia. Ich wünschte, ich könnte behaupten, erfreut zu sein, dich zu sehen, aber ich habe bereits dreimal in den letzten beiden Tagen die Freude erduldet, von der Marquise von Langford beehrt zu werden. Was zum Teufel führt dich hierher?«
    »Ist mein Vater hier?«, fragte sie und blickte sich um.
    »Im Augenblick nicht. Doch zweifellos wird es nicht lange dauern, bis er zurückkommt. Er dürfte mitnichten vollends davon überzeugt sein, dass ich dich nicht irgendwo in meinem Haus versteckt habe. Stell dir meine Freude vor«, fügte er mit aalglatter Stimme hinzu, »als ich heute Abend in mein Wohnzimmer trete und entdecke, dass ebendies der Fall ist.«
    »Es tut mir leid. Ich …« Sie brach ab, schüttelte den Kopf und bedeckte ihre Augen mit einer Hand. »Ich habe nicht gut geschlafen.«
    »Könnte es möglicherweise mit der Tatsache zu tun haben, dass du beinahe - lass mich nachrechnen - zwei Wochen lang in einer öffentlichen Kutsche gefahren bist? So lange dauert es doch, um von Darkfrith aus zu mir zu gelangen. Es sei denn, man müsste annehmen«, er machte eine Pause, »dass du hierhergeflogen bist.«
    Er hatte es nicht als Spitze gemeint, aber sie verzog, wenn auch kaum merklich, ihr Gesicht. Dann ließ sie ihre Hände sinken und schaute ihn unverwandt

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