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Der Todeskanal

Der Todeskanal

Titel: Der Todeskanal
Autoren: Isaac Asimov
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»Diesmal bist du nicht gefallen.«
    »Du hast es also gesehen?« Sie runzelte die Stirn. »Das sah Georgette ähnlich. Sie hatte keinen anderen Grund auszusteigen, als mich davon abzuhalten, deine Bekanntschaft zu machen. Wie lange hast du Georgette schon gekannt, Norman?«
    »Nicht sehr lange. Gerade lange genug, um sie zu erkennen und ihr den Platz anzubieten.«
    Livvy verzog die Lippen.
    »Du bist doch nicht eifersüchtig auf das, was hätte geschehen können? Außerdem, ich war so an dir interessiert, daß ich schon einen Weg gefunden hätte, dich kennenzulernen.«
    »Du hast mich ja gar nicht angesehen.«
    »Ich hatte ja kaum Gelegenheit dazu.«
    »Und wie hättest du es angestellt, mich zu treffen?«
    »Irgendwie. Ich weiß nicht. Aber du gibst doch zu, daß das ein ziemlich idiotischer Streit ist.«
    Sie verließen den Bahnhof von Providence. Livvy war besorgt. Der kleine Mann hatte ihrem geflüsterten Gespräch gelauscht, und sein erlöschendes Lächeln hatte ihr gezeigt, daß er alles verstanden hatte. Sie bat ihn: »Könnten Sie es uns noch einmal zeigen?«
    »Warte doch, Livvy«, unterbrach Norman sie. »Wozu denn?«
    »Ich will unseren Hochzeitstag sehen. Wie er gewesen wäre, wenn ich nicht gefallen wäre.«
    »Das ist unfair«, sagte Norman verärgert. »Wir hätten dann an einem anderen Tag geheiratet, das kannst du dir doch denken.«
    »Könnten Sie es mir zeigen, Mr. Wenn?« fragte Livvy, und der kleine Mann nickte.
    Die Glastafel erwachte wieder zu neuem Leben. Das Licht, das sich in ihr spiegelte, verdichtete sich zu Gestalten. Ein schwacher Klang von Orgelmusik war in Livvys Ohren.
    Norman sagte erleichtert: »Na, da bin ich ja. Unsere Hochzeit. Bist du nun zufrieden?«
    Die Klänge verstummten, und das letzte, was Livvy hörte, war ihre eigene Stimme.
    »Ja, da bist du. Aber wo bin ich7«
     
    Livvy saß auf einer der hinteren Kirchenbänke. Sie hatte eigentlich vorgehabt, die Trauung gar nicht zu besuchen. In den letzten Monaten hatte sie Georgette immer seltener gesehen, ohne zu wissen, warum. Sie hatte durch eine gemeinsame Freundin von ihrer Verlobung gehört, natürlich mit Norman. Sie konnte sich noch genau an den Tag erinnern, vor sechs Monaten, als sie ihn zum erstenmal in der Straßenbahn gesehen, als Georgette sie so schnell aus seinem Gesichtsfeld entfernt hatte. Seither war sie ihm bei verschiedenen Gelegenheiten begegnet, aber jedesmal hatte Georgette neben ihm gestanden, zwischen ihnen gestanden.
    Nun, es lag kein Grund zu Ressentiments vor. Der Mann gehörte eben einer anderen. Georgette sah schöner aus, als sie eigentlich war. Und er sah geradezu wundervoll aus.
    Sie fühlte sich traurig und leer, so, als sei irgend etwas schiefgegangen, irgend etwas, das sie nicht genau zu umreißen wußte. Georgette, die langsam zwischen den Bänken hindurchschritt, schien sie nicht zu sehen, aber ihr Blick begegnete dem seinen, und sie lächelte ihn an. Livvy schien es, als würde er zurücklächeln.
    Sie hörte die Worte ganz deutlich.
    »So frage ich dich denn, Norman …«
     
    Das Rattern des Zuges kehrte zurück. Eine Frau ging schwankend den Gang entlang und trieb einen kleinen Jungen vor sich her. Teenagergelächter klang schwach herüber. Ein Schaffner hastete vorbei.
    Livvy nahm alles ganz genau in sich auf. Sie saß da, mit hoch erhobenem Kopf. Die Bäume, die draußen vorbeiflogen, verschwammen zu einer einzigen grünen Masse, und die Telegraphendrähte tanzten bizarr.
    »Du hast sie geheiratet«, sagte sie.
    Er starrte sie sekundenlang an, und dann begann sein rechter Mundwinkel leicht zu zittern.
    »Aber doch nicht wirklich, Olivia«, sagte er vergnügt. »Du bist noch immer meine Frau, das weißt du doch.«
    Sie fuhr zu ihm herum.
    »Ja … du hast mich geheiratet, weil ich in deinen Schoß gefallen bin. Wenn ich das nicht getan hätte, dann wärst du jetzt mit Georgette verheiratet. Und wenn sie dich nicht gewollt hätte, hättest du irgendeine andere geheiratet. Irgendwer Du und dein Puzzle-Spiel!«
    »Verdammter Blödsinn!« sagte Norman sehr langsam. Er strich sich mit beiden Händen über den Kopf und glättete die Haare hinter seinen Ohren, die dort die fatale Tendenz hatten, immer leicht abzustehen. Er sah so aus, als wolle er seinen Kopf zusammenhalten. »Sieh mal, Livvy«, sagte er, »warum regst du dich über einen blöden Zaubertrick so auf? Du kannst mich doch nicht für irgend etwas verantwortlich machen, das ich gar nicht getan habe.«
    »Aber du hättest es

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