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Das Leuchten

Das Leuchten

Titel: Das Leuchten
Autoren: Kat Falls
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1

    Ich spähte in den Tiefseegraben, in der Hoffnung, die Spitze eines versunkenen Wolkenkratzers oder vielleicht sogar die Freiheitsstatue zu entdecken. Aber ich sah nichts, nur den finsteren Abgrund.
    Ein Lichtball schoss an mir vorbe i – ein Vampirtintenfisch, der eine neonblaue Spur hinter sich herzog. Seine Leuchtwolke wirbelte um meinen Helm. Vorsichtig, um sie nicht zu zerstören, ließ ich mich mit angewinkelten Beinen treiben und betrachtete sie fasziniert, bis grüne Funken aus dem Graben aufstoben und mich aus meiner Begeisterung rissen.
    Alarmiert wich ich zurück. Es gab nur einen Fisch, der smaragdgrün leuchtete und in Schwärmen auftrat: der grüne Laternenhai.
    Obwohl er gerade mal dreißig Zentimeter maß, war er tödlich wie ein Piranha, denn er konnte Tiere in Stücke reißen, die zwanzigmal so groß waren wie er selbst. Ganz zu schweigen davon, was er mit einem Menschen anstellen konnte.
    Ich hätte die Laternenhaie kommen sehen müssen, auch in dieser Tiefe. Ich hätte es mir denken können, dass der Tintenfisch sein neonblaues Sekret bloß versprüht hatte, um einen Raubfisch von sich abzulenken. Und jetzt mussten die noch viel helleren Lichter an meinem Helm die Haie geradezu anlocken.
    Ich schlug auf meinen Tauchcomputer am Armgelenk und schaltete die Lampe aus. Aber es war schon zu spä t – ich konnte die Einladung zum Essen nicht mehr zurücknehmen.
    Rasch zog ich die Signalpistole aus dem Halfter an meinem Gürtel und feuerte mitten hinein in die grüne Masse. Zwei Herzschläge später zuckte ein Leuchtstrahl über dem Graben auf, der die Haie erstarren ließ. Ihre Augen und Zähne blitzten, und das allein war schon ein furchterregender Anblick. Schnell zerrte ich den Anker aus dem Schlamm und schwang mich auf mein Mantaboard. Ich legte mich bäuchlings darauf und ließ die Beine an den Seiten herabhängen. Dann zog ich an den Griffen und gab Gas. Das Gerät ging ab wie eine Rakete. Wäre meine Lunge nicht voll Liquigen gewesen, hätte ich laut aufgejuchzt.
    Dabei war ich noch längst nicht in Sicherheit. Sobald der Leuchtstrahl erloschen war, würden sich die Haie auf mich stürzen wie die Putzerfische auf den Wal. Ich überlegte, ob ich mich im zähen Schlamm des Meeresbodens verstecken sollte, unten, zwischen den felsbrockengroßen Muscheln. Das hatte schon einmal funktioniert. Ich riskierte einen Blick über die Schulter. In der Dunkelheit blitzten lauter kleine Sternche n – boshafte kleine Sternchen, die mich verfolgten.
    Ich steuerte mein Mantaboard steil nach unten und schaltete die Frontscheinwerfer ein. Das Licht wurde von etwas Metallischem zurückgeworfen. Ein U-Boot! Noch ehe ich reagieren konnte, prallte ich dagegen und stürzte kopfüber von meinem Fahrzeug, denn ich hatte unwillkürlich die Steuergriffe losgelassen. Ich rutschte auf der glatten Außenhaut des Bootes ab und fand erst einen Halt, als meine Füße gegen den Puffer stießen. Meine Eingeweide brauchten etwas länger, um zur Ruhe zu kommen.
    Ohne Fahrer schaltete sich der Motor des Mantaboards irgendwann von selbst aus; ich würde später danach suchen. Jetzt musste ich mich erst einmal außer Gefahr bringen. Weshalb lag das kleine U-Boot auf dem Meeresboden? War es ein Wrack? Wenn ja, dann war es erst vor Kurzem gesunken. Auf seiner glatten Außenhaut hatten sich noch keine Muscheltierchen festgesetzt.
    Langsam ging ich auf dem Puffer entlang, bis ich auf den runden Eingang der Luftschleuse stieß. Die Abdeckung des Bedienfelds baumelte lose an einem Scharnier, und alles deutete darauf hin, dass jemand die Tür mit Gewalt aufgebrochen hatte. Das verwunderte mich. Ich zögerte hineinzugehen, doch dann leuchtete die Außenhaut bedrohlich grün auf. Sofort hämmerte ich auf den Türknopf. Wie ein magisches Auge ging die Luke auf und das Meerwasser strömte in die kleine Schleuse. Ich ließ mich hineinfallen, und während ich noch im Wasser herumwirbelte, sah ich, wie die Haie von allen Seiten angeschossen kamen. Schnell schlug ich mit der flachen Hand auf den Knopf an der Innenseite. Als die Luke sich schloss, rammten die Haie das Boot wie kleine Minitorpedos. Es hörte sich an, als klopfte der Tod an die Tür.
    Ich lehnte mich gegen die Wand der Luftkammer und grinste. Es ging doch nichts über den Nervenkitzel, mit knapper Not einer Raubfischmeute entkommen zu sein.
    Wie viele Regeln hatte ich gerade eben verletzt? Alleine in den Coldsleep Canyon zu tauchen: verboten. Und das nur mit einem Mantaboard:

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