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111 - Das Spukschloß

111 - Das Spukschloß

Titel: 111 - Das Spukschloß
Autoren: Dämonenkiller
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Angst, dachte Erwin Woetzold, ist das Resultat unbewältigter Kindheitserinnerungen. Ein gesunder Mensch durfte keine Angst haben. Dennoch hatten die Menschen Angst. Anders konnte er sich den Boom okkulter Literatur nicht erklären. Er profitierte davon, denn er schrieb für eine bekannte deutsche Illustrierte eine Artikelserie über okkulte Erscheinungen.
    Erwin Woetzold war zweiundvierzig Jahre alt, Junggeselle und passionierter Rennfahrer. Vor drei Tagen hatte er sich in der Redaktion abgemeldet, seinen Porsche-Turbo vollgepackt und sich in Richtung Regensburg abgesetzt.
    Es wurde dunkel. Erwin fragte sich, ob er jetzt schon nach einem Quartier Ausschau halten sollte. Er entschied sich fürs Weiterfahren.
    Die Gespräche im Gasthaus von Vilshofen hatten ihn mehrere Stunden gekostet; herausgekommen war recht wenig dabei. Die Leute waren verschlossen und schwiegen beharrlich. Sie hatten Angst. Aber nach einigen Klaren lösten sich ihre Zungen. Sie wurden gesprächiger. Ein alter Bauer hatte Woetzold auf merkwürdige Todesfälle in der Nachbargemeinde aufmerksam gemacht. Dort waren - nach Auskunft des Alten - innerhalb von sechs Tagen dreizehn Menschen gestorben.
    Woetzold glaubte nicht an übersinnliche Erscheinungen, Gespenster oder ruhelose Seelen. Er war Realist. Seine Geschichten waren raffiniert kalkuliert.
    Der hochtourige Motor röhrte, als Woetzold herunterschaltete. Vor ihm führte eine schmale Brücke über die Donau. In der Dämmerung ragten die wuchtigen Holzpfeiler wie bizarre Riesenfinger in den Himmel. Abendrot leuchtete über den bewaldeten Bergkuppen. Auf der anderen Seite erklang Glockengeläut.
    Ein junger Bursche raste mit seinem Moped heran, schnitt den Porsche und knatterte im Höllentempo auf die andere Seite.
    Wenn ein Erntewagen über die Brücke will, dachte der Reporter, dann gibt's nur eines: ausweichen oder zurückfahren. Ausweichen wäre nicht drin gewesen. In der Mitte verengte sich die Brücke noch einmal.
    Als Woetzold das Tempo erneut verlangsamte, sah er die Bruchstelle. Genau in der Brückenmitte klaffte ein halbmondförmiges Loch. Darunter gurgelte der Fluß.
    Merkwürdig, dachte Woetzold und fuhr weiter.
    Der kleine Ort lag an der B 388. Die weißgekalkten Bauernhäuser bildeten einen Kreis um den Dorfplatz. Weiter hinten lagen noch einige Gehöfte im Dunkeln. Die kleine Kirche mit dem Zwiebelturm schmiegte sich an die Kiefernwäldchen. Draußen war kein Mensch zu sehen.
    Woetzold kurbelte das Fenster herunter. Es roch nach Stallmist. Er bog in den Marktplatz ein und parkte den metallicfarbenen Wagen vordem Gasthaus.
    Inzwischen war das Bimmeln der Kirchenglocken verstummt. Geisterhafte Stille breitete sich aus. Zwischen den Häusern staute sich die Wärme des Tages.
    Woetzold krempelte sich die Ärmel hoch. Ihm war plötzlich warm geworden. Er klopfte an die Tür des Gasthauses.
    „Hallo! Habt ihr heute zu, oder kann man noch ein Zimmer kriegen?"
    Ein Hund bellte. In den Ställen rumorte das Vieh.
    Woetzold wußte nicht, warum, aber er hatte auf einmal ein merkwürdiges Gefühl; es war keine Angst; er hätte es eher als Vorahnung interpretiert. Er war nicht umsonst der Starreporter seiner Illustrierten.
    „Schläft hier denn alles?"
    Wieder keine Antwort. Woetzold drehte sich auf dem Absatz um. Er hätte doch in Vilshofen oder einem anderen Dorf auf der südlichen Donauseite übernachten sollen.
    Woetzold öffnete beide Wagentüren und stellte die Lüftung an. Im Gepäck hatte er noch eine Thermosflasche. Während er in seinen Sachen herumstöberte, knatterte hinter den Häusern ein Moped. Wenig später brauste der Fahrer über die Dorfstraße.
    Woetzold sah ihm entgegen. Es war derselbe junge Mann, der ihn vorhin auf der Brücke überholt hatte. Er trug nur ein T-Shirt und ausgewaschene Jeans. Der Sturzhelm hing über der Lenkstange. „He", schrie der Reporter, „Moment mal!"
    Der Mopedfahrer gab erneut Gas. Das Knattern wurde lauter.
    Er muß mich gesehen haben, schoß es dem Reporter durch den Kopf, aber er hält nicht an.
    Woetzold stellte sich an den Straßenrand und winkte. Der Fahrer blickte stur geradeaus. Die langen Haare des Jungen flatterten im Wind.
    Er weint, registrierte der Reporter. „Halt! Warten Sie doch!"
    Woetzold sprang geistesgegenwärtig zurück. Er landete am Heck seines Wagens. Der Luftzug des vorbei schießenden Mopeds zerzauste seine Haare.
    „Idiot!" schimpfte Woetzold hinter dem Jungen her.
    In diesem Augenblick entstand auf der anderen Seite

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