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0257 - Ein Grabstein ist kein Kugelfang

0257 - Ein Grabstein ist kein Kugelfang

Titel: 0257 - Ein Grabstein ist kein Kugelfang
Autoren: Ein Grabstein ist kein Kugelfang
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Elf Minuten nach Mitternacht verließ der Millionär Louis Papesca seine komfortable Villa am Cläre Mont Parkway in der Bronx. Unter dem rechten Arm trug er eine große lederne Reisetasche, die mit einem Reißverschluß nahezu luftdicht abgeschlossen werden konnte. Die Tasche enthielt ein Paar dicke Lederhandschuhe mit hohen Stulpen, und zwei Wolldecken.
    Die Villa lag in einem kleinen Park, den eine lebende Hecke säumte. Ein Kiesweg führte zu der roten Backsteingarage, in der ein viertüriger Sedan Bel Air und ein roter Pontiac standen. Papesca war geizig und dachte nicht im Traum daran, sich einen Chauffeur zu halten. Der Millionär pflegte stets selbst zu fahren.
    Er öffnete die geräumige Garage und tastete sekundenlang im Dunkeln herum. Eine Tür klappte leise. Ein gedämpftes Surren entstand, als der Motor angelässen wurde. Vorsichtig steuerte Papesca den Pontiac auf den Cläre Mont Parkway.
    Auf der Stirn des Verbrechers stand der Schweiß in kleinen Tropfen. Papescas Gaumen fühlte sich trocken und pelzig an. Der Millionär wußte, daß der Tod auf ihn lauerte, daß er nur darauf wartete, ihn bei einem kleinen Fehler zu ertappen. Ein falscher Griff, eine winzige Unvorsichtigkeit, ein nicht voraussehbarer Umstand — und man würde morgen früh die Leiche des Millionärs Louis Papesca zwischen den Leibern der Giftschlangen im Terrarium des Zoos finden.
    Maybelline schläft jetzt, dachte er. Wahrscheinlich hat sie wieder ein Beruhigungsmittel genommen. Sie wird es nicht merken, wenn die Schlange auf sie zukriecht und mit ihren Giftzähnen nach ihr stößt.
    In dem verbrecherischen Hirn des Millionärs vollführten die Gedanken einen wilden Tanz.
    Jetzt nur ruhig bleiben, einen kühlen Kopf bewahren, ermahnte er sich. Aber je mehr er sich den Zoological Gardens in der Bronx näherte, um so heftiger klopfte das Blut in seinen Schläfen. Der Atem ging stoßweise, und eine plötzliche Panikstimmung in Papesca drohte übermächtig zu werden.
    »Ich muß an Caroline denken«, flüsterte er mit heiserer Stimme. »Ich muß an sie denken. Das gibt mir Kraft. Das gibt mir die Kraft, meinen Plan durchzuführen.«
    Papesca fuhr ein Stück am Südeingang des Zoos vorbei. Ein schmaler Sandweg, der rechts und links von hohen Parkmauern begrenzt wurde, tat sich linker Hand auf. Der Millionär trat hart auf die Bremse. Der Pontiac beschrieb einen engen Bogen, rollte dann über den Sandweg, als Papesca den Wagen unvermittelt zum Stehen brachte.
    Er nahm die Reisetasche und stieg aus.
    Das breite Gittertor am Eingang bereitete Papesca keine Schwierigkeiten. Er streifte die Handschuhe über und kletterte dann - trotz seiner 50 Jahre - gewandt Über die spitz auslaufenden Eisenstangen. Einen Tragriemen der Reisetasche hatte er fest zwischen die Zähne genommen.
    Jetzt, da die ersten Schritte getan waren, fühlte Papesca keine Angst mehr. Es gab kein Zurück für ihn. Nur noch ein Vorwärts, ein Besuch in der Menagerie des Schreckens.
    Nach mehr als 20 Minuten erreichte der Mann das Terrarium.
    Wie ein drohender Schatten wuchs es aus der Dunkelheit jäh vor ihm auf.
    Bisher war alles ohne Zwischenfall verlaufen. Aber jetzt begann der schwierigste Teil des Vorhabens.
    Vorsichtig umrundete der Verbrecher das hohe Gebäude. Er suchte lange, ohne etwas zu überstürzen. Dann hatte er gefunden, wonach er Ausschau hielt.
    An der Schmalseite des Gebäudes, hinter einem dornigen Busch, befand sich ein kleines gitterloses Fenster — gerade groß genug, um einen schlanken Mann hindurchzulassen.
    Papesca öffnete die Reisetasche und entnahm ihr eine der Decken. Sorgfältig wickelte er sich diese um den Unterarm. Dann zog er die zweite Decke aus der Tasche, breitete sie aus — und hielt mitten in der Bewegung inne.
    Er stand wie erstarrt.
    Hatte er sich getäuscht, oder waren die Schritte Wirklichkeit?
    Da! Wieder das leichte Rascheln, wieder das Knirschen des Sandes.
    Papesca verharrte länger als eine Minute. Mit äußerster Willensanstrengung zwang er sich zur Ruhe. Ganz langsam zählte er bis 100. Dann zog er die lange Stablampe aus seinem Gürtel und ließ sie für den Bruchteil einer Sekunde auff lammen.
    Nichts Verdächtiges war zu sehen. Die überreizten Sinne hatten dem Mann einen Streich gespielt.
    Beruhigt trat der Mann wieder unter das Fenster, nahm eine der Decken auf, wand sie sich um den Unterarm wie schon einmal in dieser Stunde, warf sich die andere Decke gleich einem Poncho über den Kopf und reckte sich dann zu dem

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