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Wir neuen Großvaeter

Wir neuen Großvaeter

Titel: Wir neuen Großvaeter
Autoren: Rainer Holbe
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ihren letzten Stunden begleitet hat. Wenn dann kein Gespräch mehr möglich war, sah er, wie sich die Lippen der Sterbenden bewegten, und oft hat er in diesem Flüstern hören können, was da gesprochen, ja aufgesagt wurde: die guten alten Liedertexte, Verse aus Gedichten und längst verwehte Sprüche der Großeltern.
    Der Komponist Franz Liszt gab den Rat, dass man sich einen großartigen Vorrat an Erinnerungen zulegen sollte. »Liebe Erinnerungen«, wie der Maestro so schön formulierte. Solche, die uns wärmen, zu Herzen gehen und uns doppelt leben, tiefer erleben lassen. Unsere eigene, tief in uns verborgene Musik
gehört zu den schönsten Erinnerungen, die man sich schaffen kann. Innere Musik bereichert unseren Lebensweg. Ob es das Schlaflied ist, das einst an unserem Kinderbett gesungen wurde, oder der Choral in der Kirche, den wir am liebsten hörten, oder die erste Opernaufführung oder die Musik, die bei einer Hochzeit gespielt wurde: Musik ist Fernweh und ein Erahnen von Zeit und Raum – Gedichte lösen ähnliche Empfindungen aus.
    Wer die großen Balladen deutscher, englischer oder französischer Dichter gelesen oder vielleicht gar auswendig gelernt hat, wird ein nie geahntes Glück verspüren, wenn er irgendwo wieder ein paar Zeilen davon hört.
    Die Großmutter von Max, Ferdinand und Leo deklamiert am Heiligen Abend am festlich gedeckten Tisch alle Jahre wieder die traurigen Verse von dem Bettelkind, das achtlos vorübergehenden Passanten am Weihnachtsabend vergebens ein Spielzeug zum Kauf anbietet. Es ist eines der schönsten Gedichte von Theodor Storm, das von den Buben stets sehnlichst erwartet wird.
    Unsere Welt ist alles andere als ein Paradies. Doch wir haben das Recht, nach Nischen auf diesem zerrissenen Globus zu suchen, um fernab von Ungerechtigkeiten einen Zustand zu erschaffen, der nur in unserem Kopf existiert, und in dem wir ein Höchstmaß an Glück erlangen. Öffnen wir unser Herz! Erinnerungen sind tatsächlich ein Paradies, aus dem uns keiner vertreiben kann. Und geben wir unseren wunderbaren Enkeln darin den ihnen gebührenden Raum.

    Das schönste Geschenk
    Â 
    Ich bin gern Großvater, weil ich mir das schon immer gewünscht habe. Meinen Großvater habe ich praktisch nicht gekannt – er lebt in meiner Erinnerung als ein unnahbarer alter Herr mit kleinem Bart und Brille. Vorgelesen hat er mir nie und geredet hat er auch nicht mit mir. Mein Vater, der Großvater meiner Kinder, war bereits 60 Jahre alt, als sein erster Enkel geboren wurde. Und er hat ihm und den anderen Enkeln das Schwimmen beigebracht. Das wollte ich auch. Meine sechs Enkel wollen mit mir spielen und vorgelesen bekommen. Große Freude macht mir der gerade in die Schule gekommene Sechsjährige, der nach zwei Monaten Unterricht mir vorlesen kann. Alle Enkel – bis auf die Jüngste alles Jungen – fragen mich aus, bis mir die Luft wegbleibt. Und die Kleinste lacht mich an, wenn ich mit ihr auf dem Bobbycar herumrutsche. Meine Enkel sind für meine Frau und mich das schönste Geschenk unseres Lebens. Wir freuen uns und sind dankbar, dass wir Oma und Opa sind.
    Geert Müller-Gerbes, Publizist

Auf einmal sind sie da: Enkelkinder!
    Ein heute geborener Mensch hat alle Chancen, hundert und mehr Jahre alt zu werden
    Â 
    Â 
    Mit einem Paukenschlag sind viele meiner Freunde zum ersten Mal Großeltern geworden: Bei Renate und Dietrich schneite die kleine Venla ins Haus, Jean und Laure aus Rameldingen wurden mit Charlie und Luca beglückt, die nun ihr Haus abwechselnd mit fröhlichem Lärm versorgen.
    Mit meinem Freund Molli hatte ich verabredet, dass wir mit seinen gerade geborenen Enkelkindern Nicolas und Ronja und mit meinem ersten Enkelsohn Leo ein paar Jahre später mit dem Kabinenboot wieder auf der bretonischen Vilaine zum Atlantik hinunterfahren, so wie wir es mit unseren eigenen Kindern viele Sommer lang getan haben. Daraus wird nun leider nichts. Molli wachte eines Tages nach seinem Mittagsschlaf auf dem Kanapee einfach nicht wieder auf. Mit der Zukunft ist eben kein Pakt zu schließen.
    Dabei wäre der Mann ein prima Großvater geworden, genau wie ich es für meinen Leo sein möchte, und natürlich für Max und Ferdinand, die später in mein Leben traten. Dass mich meine Rolle total begeistert, darauf weist ja allein die Existenz dieses Buches hin.
    Ein Kind aufwachsen zu sehen, ist ein

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