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Tatjana

Tatjana

Titel: Tatjana
Autoren: Tathana Cruz Smith
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PROLOG
    Das Wetter wusste nicht, was es wollte. Der Hochsommer war vorbei, aus dem tief hängenden Himmel war alle Farbe gewichen, und erste welke Blätter säumten die Straße wie Kreppbänder. In diesen Stillstand sauste ein Radfahrer in roten Radlerhosen, trat kraftvoll in die Pedale, nutzte das flache Gelände.
    Joseph beherrschte sechs Sprachen. In Restaurants sprach er Französisch, mit Geschäftsleuten bevorzugte er Chinesisch, und er träumte auf Thai. Er war alles in einer Person. Das bedeutete, er konnte reisen und überall Arbeit finden. Die Vereinten Nationen schickten ihn hierhin, die Europäische Union dorthin. Immer nahm er sein schwarzes, maßgefertigtes Fahrrad mit, sein Designertrikot und die gepolsterte Hose, den geformten Sattel und den tränenförmigen Helm. Er hatte zu spät mit dem Radfahren begonnen, um erfolgreich an Rennen teilnehmen zu können, doch bei den meisten konnte er die Einheimischen in Staunen versetzen. Wobei es ihm nicht aufs Gewinnen ankam. Die Spannung war es, das Gefühl eines gespannten Bogens, das ihn am meisten befriedigte. Inzwischen, schätzte er, war er zweimal um die Welt geradelt. Er hatte nie geheiratet. Sein Terminplan erlaubte es nicht. Die Einfaltspinsel, die auf ihren Tandemrädern klebten, taten ihm leid.
    Joseph liebte Wortspiele. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis – ein eidetisches Gedächtnis, um genau zu sein. Nach einem Blick auf ein Kreuzworträtsel konnte er es beim Radfahren im Kopf lösen, diese Wörter herauskitzeln, die nur in Kreuzworträtseln existierten: ekru, falb, amo, amas, amat . Fragen, die nicht auf Englisch waren, machten es ihm umso leichter. Ein Tort war eine Kränkung, ein Verdruss; eine Torte ein Stück Kuchen. Ein ausgewachsenes Anagramm konnte ihn von Toulon bis Aix-en-Provence beschäftigen. An diesem Nachmittag hatte er frei, und das war auch nötig, nachdem er zwischen Russen und Chinesen vermittelt hatte. Als beide Seiten früh Schluss machten, packte der Dolmetscher die Gelegenheit beim Schopf und schwang sich auf sein Rad.
    Er war stolz darauf, außergewöhnliche Routen zu finden. Für ihn war es die Hölle, in der Toskana oder der Provence hinter Touristen festzuhängen, die sich auf Leihfahrrädern in Schlangenlinien ihr Mittagsmahl aus Käse und Wein abstrampelten. Elastische Taschen an der Rückseite seines Trikots enthielten Wasserflaschen, Energieriegel, Karte und Flickzeug. Er war bereit, hin und wieder einen Reifen zu flicken, wenn er dadurch neue Aussichten ganz für sich allein genießen konnte. Kaliningrad hatte den Ruf, hässlich und voller Kriminalität zu sein, eine Stadt, die eine Waise war, ein Hurenkind oder beides. Kaum war man jedoch der Stadt entflohen, hatte man, voilà , eine ländliche Idylle vor sich.
    Joseph war zum Dolmetschen geboren; sein Vater war Russe, seine Mutter Französin, und beide unterrichteten an der Berlitz-Sprachschule. Als er das Gerücht verbreitete, seine Eltern seien tot, tragischerweise bei einem Autounfall in Monte Carlo ums Leben gekommen, wurde Joseph der Junge, der von wohlhabenden Klassenkameraden am häufigsten für die Ferien eingeladen wurde. Er machte sich beliebt und stellte sich manchmal vor, sein Leben als Gast in einer Villa nicht weit vom Meer zu verbringen. Seinen Eltern schickte er nach wie vor eine Karte zu Weihnachten, hatte sie aber seit Jahren nicht mehr gesehen.
    Er dolmetschte für Filmstars und Staatsoberhäupter, doch am lukrativsten waren Verhandlungen zwischen Unternehmen. Für gewöhnlich wurden sie von kleinen Teams streng vertraulich durchgeführt, und ein Dolmetscher hatte omnipräsent, jedoch so gut wie unsichtbar zu sein. Vor allem musste er diskret sein, zuverlässig alles vergessen, was er gehört hatte, alles vollkommen aus dem Gedächtnis löschen, nachdem der Auftrag beendet war.
    Als die breitere Straße in eine Landstraße überging, flog er an vereinzelten, von Fliederbüschen überwucherten Ziegelsteinruinen vorbei. Zum Glück gab es fast keinen Verkehr. Er kurvte um ein Schlagloch nach dem anderen und holperte an einer Stelle über Asphalt, der zu Wellen aufgeworfen war. Ein Metzgerwagen mit einem Plastikschwein auf dem Dach kam ihm entgegen und schien direkt auf ihn zuzuhalten, bis sie einander passierten wie Schiffe auf hoher See.
    Allerdings hatte der Dolmetscher nicht alles ausgelöscht. Da waren noch seine Notizen. Selbst wenn sie gestohlen wurden, bestand keine Gefahr, denn außer ihm konnte niemand sie entziffern.
    Die Straße

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