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Schlussakt

Schlussakt

Titel: Schlussakt
Autoren: Marcus Imbsweiler
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seine Zigarillos aus der Tasche. »Wenn Sie
uns das Zeug hier gleich gegeben hätten, wären wir jetzt weiter.«
    »Ohne Obduktion nützen Ihnen diese Tabletten gar nichts. Sie
brauchen beides, den Befund und die Beweismittel. Und was mache ich jetzt
anderes, als der Polizei zu helfen?«
    »Chef!«, rief Greiner warnend. Fischer winkte unwirsch ab und
steckte sich einen kalten Zigarillo in den Mund.
    »Wenn das Wolls Tabletten sind«, sagte Sorgwitz, »dann hieße
das ja, dass er Barth-Hufelang ermordet hat.«
    »Und Annette Nierzwa.«
    »Sehr witzig.«
    »Sie meinen, er hätte das beste Alibi der Welt: die Figaro -Aufführung.
Vergessen Sies.«
    »Okay«, grinste der Kampfhund. »Schon vergessen. Sonst noch
was?«
    Ich grinste zurück und zog meinen dicksten Trumpf aus dem
Rucksack. Eine Opernpartitur, dazu die Stimme der ersten Klarinette. »Wer von
Ihnen kann Noten lesen? Herr Fischer? Herr Sorgwitz?«
    »Ich hab mal Gitarre gespielt«, brummte Greiner. »Früher.«
Eine leichte Röte überflog sein Gesicht, als er die überraschten Blicke seiner
Kollegen bemerkte.
    »Sehen Sie sich den Beginn des dritten Akts an. Zwischen
zweitem und drittem Akt liegt die Pause. Anschließend haben die beiden
Klarinetten 20 Minuten nichts zu tun. Tacet . Woll stimmte zusammen mit
den anderen ein und konnte sich danach verdrücken.«
    »Wird schon hinkommen«, murmelte der Rottweiler,
stirnrunzelnd in der Partitur blätternd.
    »Ein Orchestermusiker kann sich nicht einfach verdrücken«,
polterte Kommissar Fischer in meinem Rücken. »Wer das tut, wird sofort hochkant
rausgeschmissen!«
    »Ich war gestern in der Oper«, sagte ich. »Und ich habe
gesehen, wie einer der Trompeter den Spiegel las, bestimmt eine halbe
Stunde lang. Weil er gerade nichts zu tun hatte. Der Platz des Paukers war eine
Weile nicht besetzt. So was kommt vor. Ich habe mich mit einer Fagottistin
unterhalten. Sie sagt, unter Barth-Hufelang sei es nicht möglich gewesen, mal
eben zu verschwinden, aber dem Kapellmeister, seinem Vize, tanzen alle auf der
Nase herum.«
    »Sitten sind das!«, schimpfte Fischer. »Zu meiner Zeit war
das nicht üblich. Nirgendwo!«
    »Möglich. Jedenfalls hat mir dieselbe Frau bestätigt, dass
ihr Nebenmann Woll erst eine ganze Weile nach Beginn des drittes Akts in den
Orchestergraben zurückkehrte.«
    »Und warum meldet sich diese Kuh von Flötistin nicht sofort
bei uns?«, regte sich der Kampfhund auf. »Da rennt man sich tagelang die Hacken
ab, und dann kommt so ein …«
    »Weil niemand sie danach fragte«, schnitt ich ihm das Wort
ab. »Deshalb, Herr Sorgwitz. Weil sich der zweite Klarinettist zur selben Zeit
ein Päuschen gegönnt hat. Weil es, wie gesagt, üblich ist, solange da vorne
nicht der GMD steht und die Peitsche schwingt.«
    Sorgwitz warf mir wütende
Blicke zu. Sein Chef kehrte an seinen Platz zurück und setzte sich ächzend.
    Covet räusperte sich. »Das heißt, Woll ist nach dem
Einstimmen raus, sieht Annette aus Bernds Zimmer kommen, begeht den Mord und
spielt anschließend seelenruhig die Oper zu Ende.«
    »Richtig.«
    »Unvorstellbar.«
    »Allerdings. Und deshalb kam keiner auf die Idee, sein Alibi
zu überprüfen. Klassische Musik und echter Mord, das passt eben nicht zusammen.
Wie Sie schon sagten, Herr Fischer.«
    »Sagte ich das?«
    »Ja. Auf dem Weg nach Handschuhsheim. Ob Woll allerdings so
seelenruhig Klarinette spielte, weiß ich nicht. Diese Aufputschmittel scheint
er regelmäßig geschluckt zu haben. Als ich ihn am Montag traf, war sein Gesicht
mit roten Pickeln übersät. Speed-Akne. Typisch bei längerem Amphetamingebrauch.
Im Orchester galt er als alkoholabhängig, aber es war wohl eher eine Tabletten-
oder Drogensucht. Wie er es geschafft hat, da noch zu musizieren, kann ich nicht
sagen. Vermutlich durch Gegenmedikation mit Beruhigungsmitteln. Das russische
Zeug hat jedenfalls seine Aggressivität extrem erhöht, und beim Mord an
Barth-Hufelang war er randvoll damit.«
    »Diesen Mord kann jeder begangen haben«, sagte Fischer, den
Zigarillo für einen Moment aus dem Mund nehmend. »Haben Sie Beweise?«
    »Mozart«, grinste ich. »Mal wieder. Woll hat den Dicken mit
einer Mozart-Büste erschlagen, die auf dem Flügel stand. Sie liegt im
Kofferraum seines Mazdas, ich habe nachgeschaut.«
    »Und wo steht der?«
    »Hier, vor der Haustür.« Bevor die allgemeine Überraschung
überhand nehmen konnte, fuhr ich fort: »Vielleicht kommen Ihre Experten zu

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