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Schlussakt

Schlussakt

Titel: Schlussakt
Autoren: Marcus Imbsweiler
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Buchstaben, runzelten die Stirn. Nein, nicht alle: Der Mann, dessen Name dort
stand, blieb im Sessel sitzen.
    »Abgesehen davon, dass ich nicht kapiere, worum es hier
geht«, sagte Fischer, »würde mich interessieren, weshalb Sie uns diesen Wisch
vorenthalten haben.«
    »Mir war nicht klar, wie viel er wert ist.«
    »Und wie viel ist er wert?«
    »Schwer zu sagen. Eine halbe Million Euro vielleicht.«
    Wieder fixierten vier Augenpaare den Zettel, wieder herrschte
Schweigen, nur von Fischers Schnaufen unterbrochen. BERND NAGEL 00. Dabei blieb
es. Währenddessen stand ich auf, ging zu dem weichen Camembert hinüber und nahm
ihn von der Wand. Begleitet von Nagels entsetzten Blicken, tippte ich acht
Ziffern ein. Die Tür des Safes schwang lautlos auf.
    »Das ist ja eine Geige«, sagte der Rottweiler.
    »Und Herr Greiner ein echter Kenner.« Dabei hätte der
Geigenkasten auch leer sein können. Ich befreite ihn aus seinem Gefängnis,
öffnete ihn und entnahm ihm ein bernsteinfarbenes Instrument. »Ich lege sie
gleich wieder zurück, Herr Nagel. Nur einmal kurz halten, ja?« Sie war
superleicht, ein Nichts zwischen den Fingern, und sie roch gut.
    Nagel hatte die Augen
geschlossen und knetete ausdauernd seine Nasenwurzel. Nach einer Erklärung sah
das nicht aus. Konsterniert betrachteten die Kommissare die Geige in meinen
Händen. Aber das war nichts gegen den Gesichtsausdruck Marc Covets.
    »Nun machen Sie schon«, sagte Fischer ungeduldig. »Sie hatten
Ihren Triumph, Koller, jetzt will ich Erklärungen hören. Warum, verdammt, haben
Sie uns nicht von dieser Geige erzählt, Herr Nagel?«
    »Er hat niemandem davon erzählt«, antwortete ich an Nagels
statt. »Nicht einmal Marc, schauen Sie sich ihn an. Nur Annette. Im November,
nehme ich an. Stimmts?«
    Nagel nickte leicht, ohne seine Haltung zu verändern.
    »Am Telefon?«
    Jetzt riss er die Augen auf.
    »Keine Hexerei, Herr Nagel. Dieselben Buchstaben und Zahlen
stehen auf einem Notizblock neben Annettes Telefon. Sie hat sie während eines
Gesprächs mit Ihnen notiert, um sie später in den Kalender zu übertragen.«
    »Also doch«, brummte Fischer. »Sie waren in der Wohnung,
Koller.«
    Ich legte das Instrument in den Schoß und hob beide Hände.
Unschuldsmiene.
    »Aber was hat der Zettel mit der Geige zu tun?«, fragte
Greiner.
    »Die Geige liegt im Safe, der Safe lässt sich durch eine
achtstellige Ziffernkombination öffnen, und die steht auf dem Zettel.«
    »Hier stehen nur zwei Ziffern. Zwei Nullen.«
    »Zwei Nullen sehe ich schon die ganze Zeit, Herr Greiner«,
sagte ich, ihm und seinem Kollegen eine Grimasse schneidend. »Aber ich sehe
auch Punkte über den Buchstaben. Zählen Sie das Alphabet durch, falls Sie das
beherrschen. A ist 1, B ist 2 und so weiter. Und nun schreiben Sie die
entsprechenden Ziffern unter BERND NAGEL. Die Markierungen zeigen an, dass Sie
nur die einstelligen Zahlen brauchen. Es soll ja nicht zu schwierig werden. Was
bekommen Sie als Ergebnis? Die Kombination 254175. An die hängen Sie noch die
zwei Nullen dran, fertig. Der Safe gehört Ihnen.«
    Längeres Schweigen. Kollege Greiner kratzte sich am Kopf. War
es ihm zu schnell gegangen? Sein Kompagnon nahm den Zettel und stand auf. Er
schloss die Safetür, tippte sehr langsam die Zahlenkombination ein und genoss
finsteren Blickes das Erfolgserlebnis. Kommissar Fischer musterte mich derweil
aus halb geschlossenen Augenlidern. Schwer zu sagen, was er dachte.
    »In einem Safe«, hörte ich Covet neben mir murmeln. Er hatte
sich lange nicht zu Wort gemeldet. »Bernd, du bist wirklich bescheuert. Warum
gibst du das Ding nicht zur Bank?«
    Nagel sah aus dem Fenster.
    »Die Antwort steht möglicherweise in diesem Artikel«, sagte
ich, zog den zusammengerollten Stern aus dem Rucksack, schlug ihn auf
und reichte ihn Covet. »Solange die Polizei im Raum ist, vermag ich mich nicht
zu erinnern, woher ich ihn habe. Nur so viel: Mörder und Opfer kannten ihn
beide. In dem Text geht es um Kunstgegenstände, die während der Nazizeit ihren
Eigentümer wechselten und jetzt zurückgefordert werden. Bilder aus jüdischem
Familienbesitz hängen seit den späten 30ern in deutschen Museen. Im Rathaus
einer Kleinstadt steht eine Plastik, die früher im Haus des Bankiers Hirsch
stand. Heikle Geschichten, und jeder Fall muss gesondert betrachtet werden.
Auch der Fall der Guarneri von 1740, die einem bekannten Münchner
Industriellenclan gehört.«
    Fischer, Greiner und

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