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Schlussakt

Schlussakt

Titel: Schlussakt
Autoren: Marcus Imbsweiler
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einem anderen Schluss, aber ich könnte mir vorstellen, dass Woll auch dank der
Ladung Amphetamine in seinem Körper die erste Nacht im Wald überlebte. Das Zeug
führt zur Erhöhung der Körpertemperatur, und zwar über Stunden. Außerdem war es
Montagnacht nicht extrem kalt und tags darauf deutlich über null. Erst in der
zweiten Nacht erfror Woll.«
    »Und wer hat ihn auf den Hochsitz gebracht?«, fragte
Kommissar Greiner.
    »Ein Komplize«, sagte ich und leerte mein Bier.
    »Ein was?«
    Ich schwieg.
    »Was für ein Komplize?«, wiederholte Greiner und sah seine
Kollegen hilfesuchend an. »Von so einem war bisher nicht die Rede, oder habe ich
mich verhört?«
    »Gleich nach dem Mord an Barth-Hufelang versucht Woll ein
letztes Mal, an die Geige heranzukommen. Aber Bernd Nagel ist kurz zuvor in
Untersuchungshaft überstellt worden. Wolls Mazda steht im Klingelhüttenweg,
seine Leiche haben wir oben im Schlierbacher Wald gefunden. Also muss ihn
jemand dorthin gebracht haben, der von seinem Treiben wusste. Der ihn
durchschaute oder eingeweiht war. Deshalb spreche ich von einem Komplizen.«
    »Aber wer soll das sein?«
    »Ich weiß es nicht. Es
gibt da einen Verflossenen von Frau Nierzwa, der in München lebt. Ein
Schauspieler namens Peter Michael Gerber. Vielleicht hat Woll ihn kontaktiert,
um etwas über die Familie von Herrn Nagel und den Wert der Guarneri
herauszufinden.«
    »Und dann?«
    »Fragen Sie ihn. Vielleicht kam er nach Heidelberg,
vielleicht hat er herausbekommen, was Woll vorhatte, oder sie wollten das Ding
gemeinsam durchziehen. Plötzlich gab es Streit um die Beute, um die Morde, was
weiß ich. Finden Sie heraus, wo dieser Gerber in den letzten Tagen war, dann
sehen Sie klarer. Oder hören Sie sich bei Hehlern von wertvollen
Musikinstrumenten um. Woll wird seine Fühler längst ausgestreckt haben,
schließlich musste der Verkauf der Geige rasch über die Bühne gehen.«
    »Was für Hehler?«
    »Wenn ich Sie wäre«, sagte ich mit Unschuldsblick, »würde ich
die letzten Anrufe, die Woll getätigt hat, überprüfen. Da sollte eine Nummer
dabei sein, hinter der sich ein Handelsvertreter vom grauen Markt verbirgt.«
    Greiner kratzte sich am Kopf. Er und Sorgwitz saßen
regelrecht erschlagen da. Marc hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und
starrte vor sich hin. Von Nagel kam kein Mucks. Er sah aus dem Fenster, hinter
dem das Grauviolett der Dämmerung in tiefes Schwarz übergegangen war.
    Ein leises Klicken durchbrach die Stille. Es rührte von
Fischers Feuerzeug her, das er unter die Spitze seines Zigarillos gehalten
hatte.
    »Peter Michael Gerber«, murmelte er.
    »Chef!«, machte es neben ihm.
    »Ruhe! Herr Koller?«
    »Ja?«
    »Sie sagen, Wolls Mazda steht hier vor der Tür?«
    Ich nickte.
    »Und Sie raten uns, nach diesem Gerber zu suchen. Wegen
München, wegen früherer Kontakte zu Annette Nierzwa und so?«
    »Genau.«
    »Verstehe.« Er nahm den Zigarillo aus dem Mund, kniff die
Augen zusammen und blickte zu dem geschlossenen Safe hinüber. Dann erhob er
sich. Ohne Ächzen. »Gehen wir.«
    Seine Mitarbeiter sahen ihn überrascht an.
    »Die Beweisstücke nehmen wir mit. Danke für Ihre
Erläuterungen, Herr Koller. Wie wir mit der Behinderung unserer Arbeit und all
dem verfahren, muss ich sehen. Ich hätte große Lust, Ihnen … Warten Sies ab.
Und jetzt los, meine Herren, aber ein bisschen fix.«
    Greiner und Sorgwitz sammelten verdattert ein, was ich
mitgebracht hatte: Partitur, Tabletten, Schlüssel, Zeitschrift, Zettel. Greiner
ging sogar zum Safe hinüber, führte die erhobene Hand aber zum Kopf, um sich
daran zu kratzen. Zigarillogeruch hing in der Luft.
    »Auf Wiedersehen«, sagte Fischer und scheuchte seine
Mannschaft hinaus. In der Tür drehte er sich noch einmal um. »Herr Koller: bis
nachher?«
    »Bis nachher.«
    Ein feiner Kerl, dieser Kommissar. Ein grober Klotz, aber
rücksichtsvoll.

Dieses E-Book wurde von der "Verlagsgruppe Weltbild GmbH" generiert. ©2012

Epilog

     
    Zu dritt blieben wir in Nagels Wohnzimmer
zurück. Niemand sprach. Ich kontrollierte meine Bierflasche; kein Tropfen mehr
darin. Der Deckenfluter spuckte weißes Licht. Leise schloss ich meinen Rucksack
und legte ihn auf das Sofa.
    Dann räusperte sich Marc Covet.
    »Wenn ich das richtig verstehe«, sagte er, und es klang wie
eine Frage, »hat Bernd noch Glück gehabt, dass er am Montagabend in Haft kam.
Sonst hätte Woll vor seiner Tür gestanden.«
    Ich sah zu Nagel

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