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Schatten eines Gottes (German Edition)

Schatten eines Gottes (German Edition)

Titel: Schatten eines Gottes (German Edition)
Autoren: Jutta Ahrens
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Antiochia 1189, die Verschwörung
    Hassan glitt auf weichen Filzsohlen über die bunten Fliesen des Speisesaals seines Gebieters Abu Zakariya al Mansur. Auf einem silbernen Tablett brachte er süße Leckereien für die Gäste seines Herrn.
    »Allah verfluche die Ungläubigen«, murmelte er, bevor er nähertrat. An niedrigen Tischen hatten sich fünf Männer niedergelassen. Obwohl sie einheimische Gewänder trugen und das Arabische fließend sprachen, wusste Hassan, dass es Christenhunde waren, noch dazu solche der besonders üblen Sorte. Bei ihrer Ankunft hatte er das Tatzenkreuz auf ihren Mänteln gesehen. Tempelritter! Feindliche Krieger und Mönche falschen Glaubens in einem. Der Schrecken war ihm in die Glieder gefahren. Nein, diese Männer sollten nicht hier sein! Was Hassan nicht wusste: Nur drei der Männer waren echte Tempelritter, die beiden anderen hatten sich der Tarnung wegen dieser Verkleidung bedient.
    Umständlich und mit unbewegter Miene stellte Hassan die Schalen auf den Tischen ab. Da gab es in Honig eingelegte Datteln, glasierte Früchte, kleine Kuchen und natürlich Malban, eine Köstlichkeit, die aus eingedicktem Traubensaft, Stärke, Honig und Mastix hergestellt und mit Pistazien gefüllt wurde. Lauter Dinge, die diesen Barbaren aus den Frankenländern unbekannt waren, wie Hassan wusste. Ebenso wie der heiße, schwarze Qahwa, der die Sinne belebte und den die Fremden begierig schlürften. Herkunft und Zubereitung wurden wie ein Geheimnis gehütet, doch sein Herr teilte es mit den Feinden Allahs.
    Hassan fühlte sich zurückgesetzt, weil er nicht wie gewöhnlich anwesend sein durfte, um jederzeit auf den kleinsten Wink seines Herrn zu achten und nebenbei aufmerksam die Ohren zu spitzen, was beim Essen geredet wurde. Weshalb hatte er diese Männer in sein Haus eingeladen?
    Abu Zakariya war ein Nachkomme Yaghi Siyans, einst Statthalter von Antiochia, bevor die Stadt durch Verrat gefallen war. Seit hundert Jahren beherrschten die Ungläubigen nun schon die Stadt. War auch er ein Verräter wie jener schändliche Firouz, den die Christen bestochen hatten, damit er sie nach langer Belagerung in die Stadt ließ? Das konnte Hassan nicht glauben. Sein Herr strebte nicht nach Macht. Er lebte zurückgezogen und widmete sich gelehrten Studien. Unter gesenkten Lidern beobachtete Hassan die Männer, deren Gespräch bei seinem Herannahen verstummt war. Das waren Kämpfer mit harten Gesichtern, die sich nicht zu einem gelehrten Disput versammelt hatten.
    Hassan ließ sich beim Servieren unziemlich viel Zeit. Soeben stellte er vor einem Mann mit hageren Zügen die letzte Schale mit Qahwa ab, als ihn dessen Blick traf wie ein brennender Pfeil. Hassan zuckte schuldbewusst zusammen und hätte beinahe etwas von dem kostbaren Getränk verschüttet. Tausend Teufel mussten in dem Barbaren wohnen, dessen Augen schwarz wie die Dschehenna waren und bis auf den Grund seiner Seele schauten. Hassan verbeugte sich hastig und zog sich rückwärtsgehend zurück. Als er die Tür erreichte, fiel sein Blick auf einen Paravan. Ohne zu überlegen, huschte er dahinter. Das Tablett fest an seine Brust gepresst, hielt er den Atem an und lauschte. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals.
    »Wir sollten unser Vorhaben mit einem Schwur bekräftigen«, hörte er jetzt die Stimme seines Gebieters. Beinahe hätte Hassan aufgestöhnt. Eine Verschwörung! Bei Allah! Was sollte er tun? Weshalb musste er unbedingt lauschen? Ein böser Dschinn musste ihm das befohlen haben.
    Die jähe Stille fiel ihm auf. Weshalb gab keiner der Gäste eine Antwort? Doch dann hörte er ein sehr leises Geräusch, wie wenn schwerer Stoff über den Boden schleift. Es näherte sich dem Paravan. Hassan brach der Schweiß aus. Sein Herr trug einen langen Mantel aus Brokat, dessen Saum den Boden berührte. Hassan bekam keine Luft mehr und fasste sich an die Kehle. Der Paravan wurde zur Seite geschoben. Hassan starrte seinen Gebieter an wie ein gelähmtes Kaninchen den Fuchs. Er wollte etwas sagen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst. Der Blick seines Gebieters war kühl, als er seinen langen Dolch zog. Hassan wollte um Erbarmen flehen, doch nur ein Krächzen kam aus seiner Brust, als ihm der scharfe Stahl mit einem schnellen Schnitt die Kehle zertrennte. Das silberne Tablett fiel klirrend zu Boden, Hassan, der Vertraute seines Herrn, sackte röchelnd zusammen wie ein aufgerissener Kornsack.
    Abu Zakariya wischte das Messer an Hassans Gewand ab, steckte es zurück in seinen

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