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Kaiserkrieger: Der Aufbruch

Kaiserkrieger: Der Aufbruch

Titel: Kaiserkrieger: Der Aufbruch
Autoren: Dirk van Den Boom
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Kapitel 1
     

    Jan Rheinberg war kein Freund von Denkmälern. Das hing sicher damit zusammen, dass er seit seiner frühesten Kindheit von seinem Vater jedes Jahr zu diversen Anlässen gezwungen worden war, stundenlang vor den steinernen Abbildern deutscher Herrlichkeit auszuharren. Siegesdenkmäler, Heldenstatuen, Könige, Kaiser – der alte Kavallerieoffizier ließ keine Gelegenheit aus, um seinem Sohn die richtige Gesinnung und das richtige Erinnern beizubringen. Rheinberg entsann sich an endlose Stunden mit Blumenkränzen, wie Regen sich durch seinen Festtagsanzug arbeitete und von ihm dennoch andächtige Ruhe und respektvolle Aufmerksamkeit erwartet wurde. Er erinnerte sich daran, wie er vor lauter Langeweile die Details dieser Gedenkstätten in sich aufnahm und memorierte. Jeder markante Gesichtszug, jedes erhobene Schwert, jeder Lorbeerkranz. Jedes aufgepflanzte Amulett. Blumen überreichende deutsche Jungfrauen. Inschriften, die vom Heldentod sprachen, von den Gefallenen, und den Siegern, und dem Reich, und dem Vaterland. Auch während seiner Karriere in der Marine hatte er diese Torturen immer wieder über sich ergehen lassen müssen. Hier, viele Hundert Jahre früher in der Vergangenheit, musste er feststellen, dass das Römische und das Deutsche Reich trotz aller anderen Unterschiede eine große Gemeinsamkeit hatten: Die Leidenschaft für Statuen, Denkmäler und sonstige Formen steinernen Gedenkens verband sie über alle Zeitenläufe hinweg. Zumindest diesem Fluch war der Kapitän durch seine Zeitreise nicht entkommen.
    Und so stand er mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor der neu enthüllten Statue, die vor ihm auf einem Marmorsockel aufragte, und hörte sich die Reden an. Er bewahrte einen respektvoll-aufmerksamen Gesichtsausdruck, eingeübt in Jahrzehnten ähnlicher Erfahrungen. Die Statue war perfekte Handwerksarbeit, in keinem Punkt schlechter, in vielen lebensechter und kunstvoller als diejenigen, die er zusammen mit seinem Vater besucht hatte. Sie zeigte die idealisierte Darstellung von Hauptmann Jonas Becker. Er trug seine deutsche Offiziersuniform, deren Eigenheiten vom Künstler mit großer Detailfreude wiedergegeben worden waren – einer der Infanteristen hatte ihm dafür stundenlang Modell stehen müssen. Becker blickte mit kantigem Gesicht in die Ferne, hielt ein römisches Kurzschwert in der Rechten und hinter ihm stand die Standarte des Reiches mit den Buchstaben SPQR. In gewisser Hinsicht war die Statue ein perfektes Sinnbild ihrer Situation hier in Rom, dennoch wollte Rheinberg dieses Denkmal nicht recht gefallen. Es erinnerte ihn daran, dass der Anlass zur Aufstellung dieses überlebensgroßen Mahnmals der Tod Jonas Beckers war, der Tod eines Freundes und Weggefährten, den Rheinberg überaus schmerzlich vermisste.
    Er unterdrückte ein Seufzen. Viele Augen waren auf ihn gerichtet. Die der Deutschen und der Römer, die sich zur Einweihung des Denkmals versammelt hatten; einer der Römer, Militärpräfekt Renna, hielt die kurze, aber pathetische Rede. Rheinberg hörte nicht zu, er kannte den Text. Der römische Offizier hatte ihn vorher zur Kommentierung vorgelegt, da er sicher sein wollte, dass auch für die Deutschen die richtigen Worte gesagt wurden. Rheinberg hatte vor allem feststellen dürfen, dass Renna sich angenehm kurz zu fassen gedachte, was in jedem Falle das Richtige war. Auch Becker war kein Schwafelkopp gewesen.
    Rheinberg bewahrte Haltung, bis Renna geendet hatte. Damit war der offizielle Teil vorbei. Von allen Anwesenden wurde jetzt nur noch erwartet, sich noch einige Augenblicke in den Anblick des Kunstwerkes zu vertiefen, beifällige Kommentare vor allem in Gegenwart des Künstlers zu machen, der mit strahlenden Augen neben seinem Werk stand, und sich danach in ein in der Nähe errichtetes Festzelt zurückzuziehen, um gemeinsam von den dort angerichteten Köstlichkeiten zu nehmen.
    Auch darin unterschieden sich die Römer nur wenig von den Deutschen. Der Höhepunkt war das Buffet. Rheinberg waren die hungrigen Blicke vor allem der Mannschaftsdienstgrade, die ebenfalls mit einer Abordnung angetreten waren, keinesfalls entgangen. Er wollte es ihnen auch nicht zum Vorwurf machen. Als sich die Versammlung auflöste, war er mindestens genauso erleichtert wie jene Männer, die sich mit dezenter Zurückhaltung, aber dennoch zielstrebig in Richtung des Zeltes auf den Weg machten.
    Rheinberg musste noch Höflichkeiten austauschen. Das erste Ziel war Renna, dessen

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