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Georgette Heyer

Georgette Heyer

Titel: Georgette Heyer
Autoren: Serena und das Ungeheuer
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1
    In der Bibliothek des Herrenhauses Milverley Park saßen
zwei Damen; die jüngere – deren Häubchen und wogender schwarzer Krepp die Witwe
erkennen ließen – neben einem Tisch, auf dem ein Gebetbuch lag; die ältere,
eine Schönheit von etwa fünfundzwanzig Jahren mit tizianrotem Haar, in einer
der tiefen Fensternischen, die auf den Park hinausgingen. Die Witwe hatte die
Totengebete mit ihrer hübschen Stimme ehrerbietig vorgelesen, aber das
Gebetbuch war schon vor einer Weile geschlossen und beiseite gelegt worden, und
die Stille wurde nur von gelegentlichen Bemerkungen der einen oder anderen
Dame und vom Ticken der Uhr auf dem Kaminsims unterbrochen.
    Die Bibliothek, deren eigenartig
geschnitzte Bücherborde und vergoldete und bemalte Decke in jedem «Führer durch
Gloucestershire» gewürdigt wurden, war ein schöner Raum, im Erdgeschoß des Herrenhauses
gelegen und mit düsterer Noblesse eingerichtet. Bis vor kurzem war sie fast
nur vom verstorbenen Earl of Spenborough benützt worden. Ein zartes Aroma von
Zigarren hing noch immer in der Luft, und von Zeit zu Zeit schweiften die
blauen Augen der Witwe zu dem großen Mahagonischreibtisch, als erwartete sie,
den Earl hinter ihm sitzen zu sehen. Eine sanfte Trauer umschwebte sie, und in
ihrem bezaubernden Gesicht stand ein Ausdruck der Bestürzung, als könne sie den
Verlust, der sie getroffen, noch kaum fassen.
    Dieser war ebenso plötzlich wie
unerwartet eingetreten. Niemand, geschweige denn der Earl selbst, hätte
angenommen, daß er, ein schöner, robuster Mann von Fünfzig, seinen Tod einer
so schäbigen Ursache wie einer bloßen Verkühlung zu verdanken haben würde, die
er sich beim Lachsfischen am Wye-Fluß zugezogen hatte. Keine noch so dringenden
Bitten seiner Gastgeber hatten ihn zu überreden vermocht, diesem geringfügigen
Unwohlsein etwas Aufmerksamkeit zu schenken; er hatte das Fischen noch einen
weiteren Tag lang genossen; als er nach Milverley zurückkehrte, machte er sich
zwar standhaft über seinen Zustand lustig, war aber so schlecht beisammen, daß
sich seine Tochter einfach über sein Verbot hinwegsetzte und sofort um den
Arzt sandte. Die Diagnose lautete auf beiderseitige Lungenentzündung, und eine
Woche später war er tot. Er hinterließ eine Gattin und eine Tochter, die ihn
beweinten, und einen etwa fünfzehn Jahre jüngeren Neffen, der ihn in Rang und
Würden beerbte. Außer dieser Tochter hatte er keine anderen Kinder, was man
allgemein seiner Ehe mit dem hübschen Mädchen zuschrieb, das er vor drei
Jahren überraschend geheiratet hatte und das noch keine zwanzig Jahre alt war.
Nur die nachsichtigsten seiner Freunde konnten mit dieser Verbindung
einverstanden sein. Denn weder seine glänzende körperliche Verfassung noch
sein schönes Gesicht vermochten über die Tatsache hinwegzutäuschen, daß er
älter als der Vater seiner Braut war, denn schließlich war sein Geburtsdatum in
jeder englischen Genealogie nachzulesen, und seine Tochter war schon seit vier
Jahren großjährig und hatte seinem Haushalt vorgestanden. Als der ungleichen
Verbindung kein Erbe des Titels entsprang, verkündeten jene, die das
exzentrische Wesen des Earls am meisten verurteilten, dies sei eben die Strafe,
und seine Schwester, Lady Theresa Eaglesham, fügte zwar unklar, aber
nachdrücklich hinzu, dies würde Serena eine Lehre sein. Wenn ein Mädchen von einundzwanzig
seine Anstandsdame entließ, zwei schmeichelhafte Heiratsanträge ablehnte und
von der Verlobung mit der glänzendsten Partie auf dem Heiratsmarkt zurücktrat,
dann geschah diesem Mädchen nur recht, wenn der Vater eine junge Frau ins Haus
brachte, uni die Tochter zu verdrängen, sagte Lady Theresa. Und alles das ganz
vergeblich, wie sie es ja gleich vorausgesagt hatte!
    Ähnliche Überlegungen schienen in
der jungen Witwe vorzugehen. Denn tieftraurig sagte sie: «Wenn ich bloß meine
Pflicht besser erfüllt hätte! Ich war mir ihrer so tief bewußt, und gerade
jetzt bedrückt mich der Gedanke so!»
    Ihre Stieftochter, die mit dem Kinn
in die Hand gestützt dasaß und auf die Bäume im Park, die die erste Spur
herbstlichen Goldes trugen, hinausschaute, wandte den Kopf und sagte
aufmunternd: «Unsinn!»
    «Deine Tante Theresa ...»
    «Seien wir froh, daß Tante Theresas
Abneigung gegen mich sie uns in dieser Zeit vom Leib gehalten hat!» unterbrach
Serena.
    «Oh, sag das nicht! Wenn sie nicht
indisponiert gewesen wäre ...»
    «Das war sie noch nie in ihrem
Leben. Onkel Eaglesham hat ihre

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