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Frösche: Roman (German Edition)

Frösche: Roman (German Edition)

Titel: Frösche: Roman (German Edition)
Autoren: Mo Yan
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Politkommissars Li hatte er auch gemacht. Mutter und Kind verdanken ihm ihr Leben. Selbst der japanische Kommandant Sugitani, der sich damals in Pingdu aufhielt, hatte von den medizinischen Erfolgen meines Großonkels gehört. Er ritt ein großes englisches Warmblut, als er seine Soldaten in einen Säuberungsfeldzug führte. Er ritt auf ein Minenfeld und wurde mit seinem Pferd in die Luft gesprengt. Sein Pferd gab er auf und rannte um sein Leben. Doch mein Großonkel holte das Pferd vom Schlachtfeld und operierte es. Gruppenleiter Xia nahm es sich zum Reitpferd, als es wieder gesund geworden war. Doch es bekam Heimweh, biss seinen Strick durch und rannte nach Pingdu zurück. Als Sugitani sah, dass ihm sein Lieblingspferd entgegengaloppiert kam, freute er sich so über alle Maßen, dass er sogleich einen chinesischen Spion schickte, der herausfand, dass die Achte Route-Armee ohne sein Wissen ein Hospital gebaut hatte und dass der leitende Chefarzt, Wan Liufu, eine Koryphäe seines Fachs, das totgeglaubte Ross operiert und wieder zum Leben erweckt hatte. Kommandant Sugitani, selber Mediziner und aus einer Arztfamilie, war sofort von seinem Kollegen eingenommen und gedachte, meinen Großonkel im Zuge der Kapitulation zu sich zu holen. Er nahm sich unseren Drei-Reiche-Roman zum Vorbild und heckte den gleichen bösen Plan aus, schickte seinen Geheimdienst zu uns nach Gaomi und ließ meine Urgroßmutter, meine Großtante und meine Tante nach Pingdu entführen. Er hielt sie dort fest, um sodann einen Boten mit einem Brief zu meinem Großonkel zu schicken.
    Mein Großonkel stand wie ein Fels zur kommunistischen Partei. Sugitanis Brief las er, zerknüllte ihn und warf ihn fort. Politkommissar Li wurde am Eingang zum Krankenhaus auf das Papierknäuel aufmerksam, hob es auf und brachte es zum Militärstützpunkt von Liautung. Gemeinsam mit Kommandant Xu schrieb er Sugitani einen Brief, worin er ihn eine Memme schimpfte. Wenn er es wage, Mutter, Frau und Tochter von Wan Liufu auch nur ein Haar zu krümmen, könne er sich darauf verlassen, dass er und Xu alle Truppen des Militärgebiets Liautung zusammenziehen und Pingdu mit Waffengewalt einnehmen würden.
    Die Tante erzählte, drei Monate lang habe sie zusammen mit meiner Urgroßmutter und Großmutter in Pingdu gewohnt, zu essen und trinken hätten sie genug bekommen, man habe ihnen nichts zuleide getan. Sugitani sei ein blasshäutiger Jüngling mit weißer Hornbrille, dazu dünnem Schnurrbart gewesen, wohlerzogen, gebildet, mit akzentfreiem Chinesisch. Die Urgroßmutter habe er mit »verehrte gnädige Frau«, die Großtante mit »werte gnädige Frau« angeredet. Sie habe ihn sehr gut leiden können, so erzählte sie, wenn wir unter uns waren. In der Öffentlichkeit aber ließ sie dergleichen nicht verlauten, da hieß es nur immer, sie, ihre Mutter und ihre Oma hätten bei den Japanern Folterqualen ausgestanden, sie seien bedroht und genötigt worden, doch hätten sie allen Qualen ohne Klagen standgehalten.
    Bester Sugitani, die Geschichten über meinen Großonkel sind so zahlreich, dass ich auch nach drei Tagen und Nächten nicht damit fertig werde. Ein andermal mehr davon. Nur von seinem Heldentod will ich noch berichten. Meine Tante erzählte, dass ihn, als er in dem unterirdischen Krankenhaus einen Kriegsverletzten operierte, ein feindlicher Giftgasangriff tötete, er verschied auf dem Gang. In den Materialien zur Literatur und Geschichte, die die Politische Konsultativkonferenz auf Kreisebene regelmäßig herausgibt, 4 steht dasselbe geschrieben. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich jedoch, der Großonkel habe acht Handgranaten im Gürtel stecken gehabt und sich mit dem Muli auf den Weg nach Pingdu gemacht, um als »einsamer Held« Mutter, Frau und Tochter zurückzuholen. Unglücklicherweise sei er dabei in ein Minenfeld der Volksmiliz aus Zhaojiagou geraten. Ein Bursche aus Xihai namens Xiao Oberlippe, der früher als Krankenpfleger im Xihai-Hospital die Krankentragen geschleppt hatte, verbreitete diese Version als erster.
    Dieser komische Vogel war später für die Lagerung des Getreides im Brigadekornspeicher zuständig. Eine Zeit lang war er in aller Munde, weil er ein neues Rattengift erfunden hatte, und wurde sogar in der Zeitung erwähnt, die seinen plumpen bäurischen Vornamen gleich ein wenig verschönerte. Später stellte sich heraus, dass die Pestizide, aus denen sein so wirksames Rattengift gemischt wurde, von Amts wegen längst strengstens verboten

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