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Eine Braut für alle

Eine Braut für alle

Titel: Eine Braut für alle
Autoren: Richard Gordon
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1

    «Doktor Grimsdyke», kündigte unsere hübsche kleine Empfangsdame an, «im Wartezimmer ist ein Herr, der sich sehr eigenartig benimmt.»
    «Oh, wirklich?» Ich löste meinen Blick von der Sportrubrik der Morgenzeitung. «Was macht er? Lacht er über die Witze in den alten Punch-Heften?»
    «Nein, er steht vor dem Spiegel und schneidet Gesichter.»
    «Großer Gott!» rief ich bestürzt. «Er wird doch nicht am Ende gewalttätig werden?»
    Es war ein scheußlich nebliger Dezembernachmittag, und man konnte sich recht gut vorstellen, daß noch immer Jack the Ripper in Londons finsteren Winkeln lauerte oder Sherlock Holmes mit Watson in einer Droschke zur Baker Street fuhr. Bis Weihnachten waren nur noch zehn Tage, an denen man einkaufen konnte, die Läden wimmelten von bärtigen Weihnachtsmännern, die Wirtshäuser waren mit Papierketten und Schrifttafeln voll munterer Wünsche geschmückt, und ich hatte eben als Stellvertreter Doktor Erasmus Potter-Phipps’ Einzug in die Park Lane gehalten.
    «Lieber Junge, ich bin absolut urlaubsreif», hatte er mir vor ein paar Tagen im Umkleideraum des Golfplatzes von Sunning-dale erklärt. «Die Praxis übersteigt langsam meine Kräfte.»
    Er hieb versonnen einen Driver durch die Luft.
    «Du kennst doch diesen Hang der Patientinnen, sich in unser-einen zu verlieben? Ist natürlich eine völlig harmlose Sache. Man braucht sich nicht in sie zu verlieben, und dabei wirkt das Ganze äußerst nervenberuhigend auf die Damen. Aber diese junge Schauspielerin, deren geistige Entkräftung ich behandelt habe - du hast wohl in den Zeitungen drüber gelesen? -, besitzt einen Mann mit regelrechtem Verfolgungswahn. Sehr lästig, vor allem deshalb, weil ich mir einbildete, der Kerl kraxelt im Himalaja herum. Äußerst rücksichtslos von ihm, nach Hause zu kommen, ohne vorher ein Kabel zu schicken. Das arme Kind ist durch den Schock um einige Wochen zurückgeworfen worden.»
    Er inspizierte seinen Putter.
    «So ungern ich die Behandlung unterbreche, glaube ich doch, einen kleinen Urlaub im Ausland einlegen zu müssen. Um diese Jahreszeit können einem ein paar Wochen Skifahren mächtig guttun. Aber es ist nicht leicht, einen geeigneten Stellvertreter zu finden. Du bist dir doch im klaren, lieber Junge, daß meine Praxis ganz spezieller Art ist?»
    Ich nickte. Razzy Potter-Phipps hatte bis jetzt gut und gern dem halben Adelsalmanach Diagnosen gestellt.
    «Diese jungen Ärzte heutzutage sind durchwegs unmöglich. Die Spitäler scheinen ihnen nichts als Medizin beizubringen. Mein letzter Stellvertreter hat mit seiner Untersuchung eine Herzogin in die peinlichste Verlegenheit gesetzt. Aber vielleicht bist du selbst augenblicklich durch Zufall beruflich nicht gebunden und könntest einspringen...?»
    «Gemacht, Alter, du kannst auf mich bauen», willigte ich sofort ein.
    Ich hatte für Razzy einiges übrig, war er mir doch in vergangenen Tagen oft mit nützlichen Posten, Darlehen oder Renntips an die Hand gegangen. Außerdem standen Weihnachten vor der Tür und die Grimsdykeschen Schatztruhen unzeitgemäß leer.
    «Lieber Junge, ich bin dir auf ewig verbunden. Zieh in meine Wohnung und betrachte die Handkasse als dein Eigentum. Die näheren Einzelheiten können wir bei einem netten Dinner besprechen, wenn ich nach Neujahr zurück bin. Findest du nicht auch, daß es unter Gentlernen würdelos ist, in der Öffentlichkeit über geldliche Dinge zu reden?»
    Aber ich hatte mich gerade lang genug in Potter-Phipps’ Appartement in Mayfair aufgehalten, um draufzukommen, in welchem Instrumentenkästchen er den Sherry verwahrte, als dieser Wahnsinnige erschien. Ich blickte mich im Ordinationszimmer um, das eine Art Kreuzung zwischen den Fürstengemächern im Dorchester-Hotel und Schauräumen für Wohnkultur darstellte, und erachtete es keineswegs für Tobsuchtsanfälle geeignet.
    «Wie sieht er denn aus, dieser Patient?» fragte ich die kleine Empfangsdame.
    «Oh, der Gesamteindruck ist durchaus solid, Doktor. Er ist ungefähr Ihres Alters und tadellos angezogen.» Sie lächelte. «Recht groß, brünett und eigentlich sehr gut aussehend.»
    «Und schneidet vor dem Spiegel Gesichter...?»
    Eine im Bett meines Unterbewußtseins sanft schlummernde Erinnerung meldete sich unter leisem Knarren.
    «Trägt er am Ende Koteletten, Wildlederschuhe, eine rote Nelke und eine Harrow-Krawatte?» fragte ich rasch.
    «Wie merkwürdig, Doktor! Gewiß, Koteletten und Nelke -»
    Ich lachte auf. «Führen Sie bitte Mr. Basil

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