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Die Tote von Charlottenburg: Kriminalroman (German Edition)

Die Tote von Charlottenburg: Kriminalroman (German Edition)

Titel: Die Tote von Charlottenburg: Kriminalroman (German Edition)
Autoren: Susanne Goga
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wichtig ist, dass gelesen wird«, erklärte Henriette Strauss kategorisch. »Aber Bücher allein helfen nicht weiter. Das Elend ist so groß. Man weiß, dass es nicht ewig so weitergehen kann, und doch wagt niemand einen radikalen Schritt. Die Frauen, die in meine Beratung kommen, sind verzweifelt.«
    Hier auf der Insel, im hellen Sonnenschein, den feinen Sand unter den Füßen, den Wind im Haar, konnte Clara sich kaum in die grauen Elendsviertel der Metropole versetzen. Berlin erschien ihr auf einmal unendlich fern.
    Es war, als könnte Henriette Strauss Claras Gedanken lesen. Sie bückte sich und schrieb mit dem Finger das Wort »Inflation« in den festen, feuchten Sand. Dann trat sie zurückund wartete, bis das Wasser darüber hinweggeschwappt war und die Buchstaben gelöscht hatte.
    »Und   – schreiben Sie auch?«, fragte die Ärztin unvermittelt.
    Clara schaute sie fragend an.
    »Nun, ich dachte, auf Hiddensee träfen sich lauter schöpferische Menschen.«
    Clara schüttelte lachend den Kopf. »Nein, ich verleihe nur, was andere schreiben.«
    »Haben Sie nie den Wunsch verspürt, selbst zu schreiben?«
    Hatte sie das?, fragte sich Clara. Seltsam, die Frage hatte sie sich nie gestellt. Vielleicht war ihr eigenes Leben in den vergangenen neun Jahren zu wechselhaft und aufwühlend gewesen, um Muße dafür zu finden. Der lange Krieg, ihre gescheiterte Ehe, der Kampf um eine unabhängige Existenz   – oder waren gerade dies Erfahrungen, die einen zum Schreiben inspirieren konnten?
    »Sie sehen aus, als hätte ich Sie verwirrt. Das wollte ich nicht.«
    »Schon gut. Ich dachte nur   … Vielleicht muss man sich entscheiden, ob man sein Leben leben oder beschreiben möchte. Im Augenblick möchte ich es lieber leben.«
    »Ihr Lächeln macht mich neugierig, aber ich werde diskret sein und nicht weiterfragen.« Dann warf sie Clara einen Seitenblick zu. »Oder doch? Sind Sie allein auf Hiddensee?«
    »Nein. Mit einem Freund.«
    Die Ärztin nickte zufrieden, hob einen Stein auf und schleuderte ihn weit ins Meer.
    Clara schaute sie nachdenklich an. Vielleicht würde sie die Einladung tatsächlich annehmen. Die Frau mit ihren lebhaften Gedankensprüngen und der unkonventionellen Art gefiel ihr.
     
    Leo öffnete die Augen und fragte schlaftrunken, als er sie am Fenster stehen sah: »Was   – was tust du da?«
    »Ich genieße es, meinen Liebhaber ungestört zu betrachten.«
    Er stützte sich auf die Ellbogen. »Liebhaber? Das klingt nach einem französischen Roman aus dem 19.   Jahrhundert«, meinte er belustigt und setzte sich auf, wobei er sich das Kissen in den Rücken stopfte.
    »Ach ja? Was soll ich denn sonst sagen?«
    »Geliebter vielleicht«, schlug er vor.
    »Wo soll da bitte der Unterschied sein?«, fragte Clara herausfordernd.
    Leo verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schien angestrengt nachzudenken. »Mein Gefühl sagt mir, dass es einen gibt.« Er überlegte. »Leider fällt er mir gerade nicht ein.«
    Clara setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf seine Brust. »Ehrlich gesagt, habe ich noch an etwas anderes gedacht. An den Abend, an dem ich dich zum ersten Mal mit in meine Wohnung genommen habe.«
    »An dem du mich verführt hast, wolltest du sagen«, korrigierte er sie grinsend.
    »Ich meine es ernst«, sagte Clara und wich ein wenig zurück.
    Leo ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Wange. »Verzeih. Auch ich werde diesen Abend nie vergessen. Es   …« Er verstummte.
    »Was meinst du?«
    Er schluckte und schaute zum Fenster. »Es ist lange her, dass ich so empfunden habe.«
    Sie streifte die Schuhe ab und legte sich neben ihn aufs Bett, den Kopf an seine Brust gelehnt. Er strich ihr übers Haar, und sie schwiegen gemeinsam, weil sie keine Worte brauchten.
     
    Später gingen sie im Ort spazieren. »Vorhin habe ich am Strand eine bemerkenswerte Frau aus Berlin kennengelernt.« Clara berichtete von der Begegnung mit Henriette Strauss. »Sie würde dir gefallen. Eine wirklich kluge Frau mit vielen Interessen, die mit beiden Beinen im Leben steht.«
    »So eine Frau kenne ich schon«, sagte er und strich ihr eine Locke hinters Ohr.
    »Lenk nicht ab. Sie trifft sich regelmäßig mit anderen berufstätigen Frauen und hat mich dazu eingeladen. Ich würde gern hingehen. Sie hat mir beim Abschied ihre Karte gegeben.« Clara hielt Leo die Visitenkarte hin.
     
    Dr. med. Henriette Strauss
    Sophie-Charlotte-Platz 16a
    Berlin-Charlottenburg
    Fernsprecher: 25312
     
    »Wenn sie dich so
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