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Die letzte Geisha: Eine wahre Geschichte (insel taschenbuch) (German Edition)

Die letzte Geisha: Eine wahre Geschichte (insel taschenbuch) (German Edition)

Titel: Die letzte Geisha: Eine wahre Geschichte (insel taschenbuch) (German Edition)
Autoren: Sayo Masuda
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sich in den Windeln auch Gurkenblätter mit drin.
    Seitdem hieß es, jemanden wie mich kann man das wertvolle Kind nicht hüten lassen, und ich mußte Arbeiten verrichten wie Unkraut jäten im Feld oder im Herbst den mit Reis beladenen Ochsenkarren vom Reisfeld zum Hof führen. Aber ich fürchtete mich vor den Ochsen und schaffte es nicht, sie dahin zu kriegen, wo sie hinsollten. Einmal geriet der Karren mit einem Rad in den Graben, und als ich mir nicht weiterzuhelfen wußte, kam ein Onkel aus der Nachbarschaft daher, und es gelang ihm mit Mühe und Not, den Karren herauszuziehen.
    »So ein kleines Kind …! Unmögliche Arbeiten muten sie dir zu! Du hast es sicher schwer«, sagte mir der Onkel mit so freundlichem Gesicht, daß ich mit weinerlicher Miene unwillkürlich wahrheitsgemäß antwortete:
    »Ja, sehr schwer!«
    Nur wenig später wurde ich vor den Hausherrn gerufen.
    »Zu nichts bist du nutze, und machst obendrein noch das Haus vor anderen Leuten schlecht – was fällt dir denn ein?«
    Ein fürchterliches Donnerwetter entlud sich über mich, und er warf mit einem heruntergefallenen Holzscheit nachmir. Aus dem Scheit ragten Nägel, die mich an der Hand verletzten. Die Wunde eiterte so, daß ein Arzt gerufen werden mußte. Daraufhin wurde ich angefaucht:
    »Wegen dir habe ich mir Vorwürfe anhören müssen, und Geld kostest du mich. Für so einen Nichtsnutz gibt's nichts mehr zu essen. Und unter diesem Dach wirst du mir nicht mehr schlafen!«
    Bitter bereute ich, dem Onkel da dummerweise vertraut zu haben. Was hat der bloß weitergetratscht, obwohl ich doch gar nichts Schlimmes gesagt habe? Keinem Menschen darfst du je vertrauen, das wurde mir schmerzlich bewußt.
    Auch ich hatte eine Mutter
    Diese Art zu schildern klingt so, als ob ich voller Kummer und Tag für Tag weinend verlebt hätte, aber insgeheim hatte ich auch allerhand Freude. Auf dem Hof standen große Nuß- und Maronenbäume, und ich paßte Momente ab, wenn grade niemand da war, und las die Nüsse und Maronen auf. Ein bißchen Klugheit wird mich darauf gebracht haben, sie an einer geheimen, nur mir bekannten Stelle aufzuheben und im Winter heimlich zu holen und zu essen. Wenn man roh getrocknete Maronen kaut, schmecken die ganz himmlisch.
    Nüsse schlug ich mit einem Stein auf und aß sie; diese Tätigkeit brachte mir in meiner Verlassenheit reichlich Trost. Auch sonst wußte ich etwas friedvoller die Zeit zu verbringen, indem ich irgendwohin ging, wo keine Menschenseele war, und nur still dahockte.
    Ich bringe es nicht mehr zusammen, wie viele Jahre ich da verlebt habe. An einem Neujahrstag aber kam ein Mann, der sagte, er sei mein Onkel und würde mich zu meiner Mutter bringen. Da bin ich so glücklich wie nie zuvor gewesen. Immer nur »Affenkind, Affenkind« gerufen, fragte ich unwillkürlich:
    »Meine Mutter, ist das ein richtiger Mensch?«
    Der Onkel lachte mich aus.
    Auch ich hatte also Eltern. Was für Leute sind das wohl? Wo sind sie? Ich wollte sie schnell sehen. Vor dem Onkel herlaufend, eilte ich auf das Haus zu. Weil andere Kinder Eltern haben, gehen sie zur Schule. Und kriegen auch Süßigkeiten. Und Socken anzuziehen. Womöglich bekomme auch ich wahrhaftig Socken anzuziehen …!
    Meine Mutter zeigte mir aber nicht eine freundliche Geste, sondern guckte mich nur kurz mit kaltem Blick an. In dem dämmrigen Haus mit dem schiefem Vordach schlief ein Mann, und vier Kinder umringten mich neugierig und glotzten mich an. Wenn ich jetzt daran denke … da muß auch mein armer Bruder mit dabeigewesen sein, der später Selbstmord begangen hat …
    Ich blieb dort nur eine Nacht über und ging am andern Morgen zusammen mit dem Onkel wieder weg. Unterwegs erfuhr ich von meinem Onkel erstmals, wie ich zur Welt gekommen bin.
    Ich bin ein uneheliches Kind, und weil so was schlecht angesehen ist, wurde ich gleich nach meiner Geburt von meinem Onkel, einem jüngeren Bruder meiner Mutter, aufgenommen, bis ich fünf Jahre alt war. Dann konnte mein Onkel nicht mehr für mich sorgen, und weil ein Bekannter jenes Großgrundbesitzers ihn darauf angesprochen hatte, mich als Kinderhüterin einzustellen, habe er mich dort in Dienst gegeben, erzählte er und fügte am Schluß hinzu:
    »Du bist aber auch ein armes Kind!«
    Noch heute klingt mir im Ohr, wie er das gemurmelt hat. Ich hatte ihn beinah so lieb wie einen Vater und stapfte, an der Hand des Onkels hängend, so froh den kniehoch zugeschneiten Weg voran, als ob mich irgend etwas Schönes erwartete.
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