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Die Katze, die den Dieb vertrieb.

Die Katze, die den Dieb vertrieb.

Titel: Die Katze, die den Dieb vertrieb.
Autoren: Lilian Jackson Braun
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    Es war ein seltsamer Winter in Moose County, vierhundert Meilen nördlich vom Rest der Welt. Zuerst gab es Unstimmigkeiten über die langfristige Wettervorhersage. Der Meteorologe des lokalen Radiosenders sagte Temperaturen um null Grad voraus, jeden Tag Schneefall und Blizzards, die alles zum Stillstand bringen würden – mit anderen Worten: einen ganz normalen Winter. Die Farmer und Holzarbeiter hingegen, die das Verhalten der haarigen Raupen beobachteten, rechneten mit einem milden Winter. Schlechte Nachrichten!
    Einen milden Winter wollte niemand. Die Kaufleute hatten viel Geld investiert, um ihre Lager mit Schneefräsen, Frostschutzmitteln, Schneeschuhen und langen Unterhosen zu füllen. Die Farmer selbst brauchten eine dicke Schneedecke, um später gute Ernten zu erzielen. Die Hundeschlittenfahrer und die Eisfischer würden um ihren gesunden Sport in der frischen Luft kommen. Das ›Erste jährliche Eisfestival‹ würde ins Wasser fallen. Und überdies stand vielleicht noch etwas gänzlich Unvorstellbares bevor: grüne Weihnachten!
    Den ganzen November hindurch – seit jeher ein Monat der Naturkatastrophen – war das Wetter enttäuschend gut, und die Einheimischen verfluchten die Raupen. Dann, Mitte Dezember, sackten die Temperaturen plötzlich ab, und jeden Tag fielen ein paar Zentimeter Schnee, der auch liegenblieb.
    Im Stadtzentrum von Pickax, der Bezirksstadt, warfen die Schneepflüge der Stadtverwaltung entlang der Bürgersteige und rund um die Parkplätze wie üblich zweieinhalb Meter hohe Schneewände auf. Die jungen Leute erledigten ihre Weihnachtseinkäufe auf Langlaufskiern, und auf der Hauptstraße waren die Glöckchen von Pferdeschlitten zu hören. Und das Beste war, daß im Dezember wegen Schneesturmgefahr zweimal die Schulen geschlossen blieben.
    Das Wetter war jedoch nur das erste seltsame Ereignis dieses Winters. Gegen Ende Dezember wurde die Feiertagsstimmung in Pickax durch eine Serie von kleinen Diebstählen getrübt. Auf einmal verschwanden aus Autos und von öffentlichen Orten unbedeutende kleine Gegenstände, was die lokale Tageszeitung zu folgendem Leitartikel veranlaßte:
Gehen Sie auf Nummer Sicher! Schließen Sie ab! Seien Sie auf der Hut!
Sie bezahlen Ihr Benzin an der Tankstellenkasse und lassen eine Videokassette im Auto liegen. Sie sehen sie nie wieder.
Sie vergessen auf dem Postamt Ihre Handschuhe. Ein paar Minuten später sind sie weg.
Während Sie im Supermarkt Orangen aussuchen, legen Sie Ihre Sonnenbrille im Einkaufswagen ab. Die Sonnenbrille verschwindet.
Wer ist dafür verantwortlich? Lausbuben? Kobolde? Ihr schlechtes Gedächtnis? Es wird Zeit, daß wir nicht länger nach Ausreden suchen und anfangen, auf Nummer Sicher zu gehen. Hier in Moose County sind wir erstaunlich nachlässig, was das Thema Sicherheit angeht. Wir müssen lernen, unsere Autos abzuschließen… Wertsachen im Kofferraum zu verstauen… unser Eigentum im Auge zu behalten… auf der Hut zu sein!
Manche Leute halten die Vorfalle für unbedeutend und meinen, die Diebstähle seien ein vorübergehendes Ärgernis wie die Moskito-Woche im Frühling. Wenn Sie das auch denken, hören Sie auf unseren Polizeichef, Andrew Brodie, der sagt: »Eine Gemeinde, die kleine Missetaten toleriert, öffnet größeren Verbrechen Tür und Tor.«
    Die Bewohner von Moose County waren ein sturer, unabhängiger Menschenschlag; sie stammten von den ersten Pionieren ab, und es bedurfte mehr als eines Leitartikels im Moose County Dingsbums, damit sie sich änderten. Doch es gab einen prominenten Bürger, der der Maxime des Bürgermeisters zustimmte.
    Jim Qwilleran war kein Einheimischer, sondern aus dem Süden unten, wie die Bewohner von Moose County die großen Metropolen im Süden nannten, zugezogen. Unerwartete Umstände hatten ihn nach Pickax (dreitausend Einwohner) verschlagen, und er war mit dem Kleinstadtleben erstaunlich zufrieden.
    Qwilleran war ein großer, gut gebauter Mann mittleren Alters mit einem üppigen graumelierten Schnurrbart und grauen Schläfen. Hätte man ihn gefragt, hätte er sich selbst so beschrieben:
    Als Journalisten im Ruhestand, der nebenbei noch ein wenig arbeitete; als ehemaligen Polizeireporter und Autor eines Buches über Großstadtkriminalität; als Verfasser einer zweimal wöchentlich erscheinenden Kolumne im Dingsbums; als ergebenen Freund von Polly Duncan, der Leiterin der Stadtbibliothek von Pickax; als Beschützer und Sklaven von zwei Siamkatzen; als recht angenehmen Menschen, der mit

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