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Der Sommer der toten Puppen

Der Sommer der toten Puppen

Titel: Der Sommer der toten Puppen
Autoren: Antonio Hill
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1
    Beim ersten Klingeln schaltete er den Wecker aus. Acht Uhr morgens. Er lag schon seit Stunden wach, trotzdem wurden seine Glieder plötzlich schwer, und er musste sich einen Ruck geben, um aus dem Bett zu kommen und unter die Dusche zu gehen. Das kalte Wasser verscheuchte die Benommenheit und spülte auch einen Teil der Zeitverschiebung fort. Am Nachmittag zuvor war er gelandet, nach einem endlosen Flug Buenos Aires-Barcelona, der sich an der Gepäckermittlung im Flughafen noch hinzog. Die Schalterdame hatte seinen letzten Rest Geduld aufgezehrt.
    Er trocknete sich ab und bemerkte verärgert, dass der Schweiß ihm schon wieder über die Stirn rann. So war der Sommer in Barcelona: feucht und klebrig wie ein zerlaufenes Eis. Mit dem Handtuch um die Hüften blickte er in den Spiegel. Er sollte sich rasieren. Scheiß drauf. Er ging zurück ins Zimmer und wühlte in dem halb leeren Schrank nach einer Unterhose. Zum Glück waren in dem abhandengekommenen Koffer nur Wintersachen, so dass er ohne Schwierigkeiten ein kurzärmliges Hemd und eine leichte Hose fand. Barfuß setzte er sich aufs Bett. Er atmete tief durch und war versucht, sich wieder hinzulegen, die Augen zu schließen und seinen Termin, den er um Punkt zehn hatte, zu vergessen, auch wenn er genau wusste, dass er dazu nicht in der Lage wäre. Héctor Salgado versäumte nie einen Termin. Und sei’s mit meinem Henker, sagte er sich und musste grinsen. Er tastete nach dem Handy auf dem Nachttisch. Der Akku war fast leer, und ihm fiel ein, dass das Aufladegerät in dem verflixten Koffer steckte. Er suchte im Telefonbuch nach der Nummer von Ruth und sah ein paar Sekunden aufs Display, ehe er die grüne Taste drückte. Er rief sie immer auf dem Handy an, wohl weil er sich nicht eingestehen wollte, dass sie auch eine Festnetznummer hatte. Eine andere Wohnung. Einen anderen Partner. Ihre Stimme, etwas heiser, noch bettschwer, brummte ihm ins Ohr:
    »Héctor ...«
    »Habe ich dich geweckt?«
    »Nein ... Na ja, ein bisschen.« Im Hintergrund hörte er gedämpftes Lachen. »Aber ich musste sowieso aufstehen. Seit wann bist du zurück?«
    »Tut mir leid. Seit gestern Nachmittag, aber die Idioten haben mein Gepäck verschusselt, und ich durfte einen halben Tag auf dem Flughafen zubringen. Mein Handy macht gleich schlapp. Ich wollte euch nur Bescheid sagen, dass ich gut angekommen bin.«
    Es kam ihm auf einmal absurd vor. Er fühlte sich wie ein plapperndes Kind.
    »Wie war der Flug?«
    »Ruhig«, log er. »Und Guillermo schläft noch?«
    Ruth lachte.
    »Immer wenn du aus Buenos Aires kommst, hört man das«, sagte sie. » Guischermo ist nicht da, hatte ich es dir nicht gesagt? Er ist ein paar Tage an den Strand gefahren, zu einem Freund.«
    »Aha.« Pause. In letzter Zeit kam er beim Sprechen immer ins Stocken. »Und wie geht es ihm so?«
    »Ihm gut, aber ich schwöre dir, wenn die Pubertät noch lange andauert, schicke ich ihn dir zurück.« Ruth lachte leise. Er musste an ihre Art zu lachen denken, an diesen plötzlichen Glanz in ihren Augen. Ihr Ton schlug um: »Héctor? Sag mal, hat sich in deiner Sache etwas getan?«
    »Um zehn muss ich zu Savall.«
    »Na, erzähl’s mir später.«
    Wieder Pause.
    »Essen wir zusammen?« Héctors Stimme war nur ein Fädchen. Ruth brauchte etwas zu lange für die Antwort.
    »Ich bin schon verabredet, tut mir leid.« Noch ehe er etwas sagen konnte, war das Handy ein Stück totes Plastik. Wie er dieses Ding hasste. Seine Augen wanderten zu seinen nackten Füßen. Und mit einem Satz, als hätte das kurze Gespräch ihm den nötigen Schwung gegeben, stand er auf und ging erneut zu dem halb leeren Schrank.
    Héctor wohnte im oberen Stock eines Hauses mit drei Wohngeschossen in Poblenou. Nichts Besonderes, eins der vielen typischen Gebäude in diesem Viertel, nicht weit von der Metrostation und nur ein paar Straßen von jener anderen Rambla entfernt, die in keinem Touristenführer stand. Erwähnenswert an seiner Wohnung war allein die Miete, die nicht gestiegen war, als die Gegend sich etwas auf ihre bevorzugte Lage nahe dem Strand einzubilden begann, dazu eine Dachterrasse, die praktischerweise zu seiner Privatterrasse geworden war, weil der zweite Stock leer stand und im ersten die Vermieterin wohnte, eine fast siebzigjährige Frau, die keinerlei Interesse hatte, drei Treppen hochzusteigen. Er und Ruth hatten die alte Terrasse hergerichtet, einen Teil überdacht und ein paar Pflanzen aufgestellt, die jetzt vor sich hinwelkten, außerdem

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