Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Präsident

Der Präsident

Titel: Der Präsident
Autoren: David Baldacci
Ads
KAPITEL 1 Locker umfasste er das Lenkrad, als der Wagen mit abgeschalteten Lichtern langsam zum Stehen kam. Ein paar Schotterkörner sprangen noch aus dem Reifenprofil, danach umgab ihn Stille. Er ließ sich einen Augenblick Zeit, um sich an die Umgebung zu gewöhnen, dann holte er ein abgewetztes, aber noch brauchbares Fernglas hervor. Langsam kam das Haus in den Blick. Gelassen, ruhig drehte er sich auf dem Sitz herum. Die Muskeln seiner hageren Gestalt waren so straff wie immer. Auf dem Vordersitz neben ihm lag ein Sportbeutel. Das Innere des Wagens war ausgebleicht, aber sauber.
    Der Wagen war außerdem gestohlen. Und seine Herkunft war schwer zurückzuverfolgen.
    Vom Rückspiegel hing ein Paar Miniaturpalmen. Er lächelte verkniffen, als sein Blick darauf fiel. Bald schon würde er selbst ins Land der Palmen reisen. Ruhiges, blaues, klares Wasser, lachsfarbene Sonnenuntergänge, langes Ausschlafen. Er musste aufhören. Die Zeit war reif. Das hatte er sich zwar schon oft gesagt, aber diesmal war er sicher.
    Luther Whitney war sechsundsechzig Jahre alt und hatte somit offiziell Anspruch auf Rente oder eine staatliche Unterstützung. Die meisten Männer seines Alters hatten bereits eine zweite Berufung als Großväter gefunden, ließen als Teilzeiteltern für die Kinder ihrer Kinder die alten Knochen in vertraute Ruhesessel sinken, während sich die Arterien mit den im Laufe eines Lebens angesammelten Ablagerungen verschlossen.
    Luther war sein ganzes Leben lang nur einem Beruf nachgegangen. Dieser bestand darin, in anderer Leute Wohnungen oder Geschäfte einzusteigen – meist bei Nacht, so wie jetzt – und soviel von ihrem Eigentum mitzunehmen, wie er tragen konnte.
    Wenngleich er eindeutig auf der falschen Seite des Gesetzes stand, hatte er doch nie in Wut oder Angst eine Pistole abgefeuert oder ein Messer geschleudert, außer in einem ziemlich undurchschaubaren Krieg, der im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea ausgetragen worden war. Selbst Schläge hatte er ausschließlich in Bars ausgeteilt, und dann nur zum Selbstschutz, wenn der Alkohol Männer mutiger machte, als gut für sie war.
    Und er stahl nur von jenen, die den Verlust ohne weiteres verschmerzen konnten. Er sah keinen Unterschied zwischen sich und den Heerscharen, deren täglich Brot es war, um die Reichen herumzuscharwenzeln und sie ständig zu überreden, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht brauchten.
    Einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Lebens hatte er in verschiedenen Besserungsanstalten mittlerer und später hoher Sicherheitsstufe entlang der Ostküste verbracht. Wie Fußfesseln hingen ihm drei Vorstrafen in drei verschiedenen Staaten an. Jahre waren aus seinem Leben gerissen worden -wichtige Jahre. Doch daran konnte er nichts mehr ändern.
    Seine Fähigkeiten hatte er soweit verfeinert, dass er hoffen durfte, keine vierte Verurteilung mehr zu erleben. Die Folgen eines weiteren Fehltritts lagen klar auf der Hand: Er würde die vollen zwanzig Jahre bekommen. Und in seinem Alter bedeuteten zwanzig Jahre die Todesstrafe. Ebenso gut konnten sie ihn auf dem elektrischen Stuhl braten, wie es der Staat Virginia mit seinen schwärzesten Schafen zu tun pflegte. Die Bürger dieses überaus geschichtsträchtigen Staates waren durch und durch gottesfürchtige Menschen, und eine Religion, die auf dem Prinzip von Schuld und Sühne beruhte, forderte konsequent die Höchststrafe. Der Staat konnte sich rühmen, mehr Anwärter auf die Todesstrafe zu haben als alle anderen Staaten, mit Ausnahme von zweien. Und diese, nämlich Texas und Florida, teilten die moralischen Ansichten ihres Südstaatennachbarn. Bei schlichtem Einbruch war man da im guten, alten Virginia geradezu noch gnädig.
    Doch selbst angesichts aller Risiken konnte er den Blick nicht von diesem Haus abwenden. Von diesem Anwesen, besser gesagt. Schon seit einigen Monaten ließ es ihn nicht mehr aus seinem Bann.
    Middleton, Virginia. Fünfundvierzig Autominuten westlich von Washington, D. C. Ein Ort riesiger Landsitze, wo ein Jaguar nichts Besonderes war, ebenso wenig wie Pferde, deren Wert die Bewohner eines Großstadt-Apartmenthauses ein Jahr lang hätte ernähren können. Die Häuser in diesem Gebiet erstreckten sich über so viel Land und waren so prunkvoll, dass sie eigene Namen rechtfertigten. Die Ironie des Namens dieses speziellen Anwesens – The Coppers – war ihm nicht entgangen. ›Coppers‹ hießen im Slang die Polizisten.
    Nichts, was er je erlebt hatte, kam dem

Weitere Kostenlose Bücher