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Der goldene Schwarm - Roman

Der goldene Schwarm - Roman

Titel: Der goldene Schwarm - Roman
Autoren: Knaus Verlag: Verlagsgruppe Random House GmbH
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Astronauten aus einer anderen Welt, die sich bei der Landung vertan haben und sich nun durch das arbeiten, was sie für Urschlamm halten.
    Joe winkt ihnen zu, als er auf dem erhöhten Steig an ihnen vorbeieilt, und sie winken zurück. Viele Besucher bekommen sie nicht, und noch weniger geben ihnen das Handzeichen im bewährten Nachtmarkt-Stil – Knöchel nach oben und den Daumen im Fünfundvierzig-Grad-Winkel ausgestreckt. Der Anführer erwidert die Geste zögerlich.
    »Hi«, sagt Joe laut, da die Helme das Verständnis erschweren. »Wie sieht’s aus bei der Kathedrale?«
    »Alles klar«, sagt der Mann. »Fluttor ist zu. Warte mal, ich kenn dich, oder?«
    Ja, allerdings: Als Kinder haben sie zusammen in den mit Samt ausgehangenen und mit Kerzen beleuchteten Gängen des Nachtmarkts gespielt. Die Tosher-Familie und der Nachtmarkt sind Alliierte unter Vorbehalt, winzige Staaten, die innerhalb und außerhalb des größeren Staates existieren, der Großbritannien heißt. Gangsternationen, heute allerdings stark dezimiert im Vergleich zu der Zeit, als Joe ein Kind war. Insbesondere der Nachtmarkt hat gelitten, da seine neuen Regenten unfähig sind, die unbändige, dreiste Kriminalität zu entfesseln, die das Markenzeichen von Mathew Spork und seinen Freunden war: längst ein Hof ohne König. Aber lasst uns nicht von jenen Tagen sprechen. Ich habe mich als jemand getarnt, der ein echtes Leben führt.
    »Ich hab eben so ein Allerweltsgesicht«, murmelt Joe und eilt weiter.
    Er schlüpft durch eine Tür in die alte U-Bahn-Anlage des Post Office, dann einen Nebentunnel hinunter und über eine Treppenflucht in die Kathedrale. Einst wurde diese Höhle ausgehoben, um als Fundament eines mittelalterlichen Palastes zu dienen, der niemals fertiggestellt wurde und inzwischen in den Schlamm von Londons Hafenbecken eingesunken ist. Es ist feucht dort und sehr dunkel. Das in Bögen auslaufende Mauerwerk ist über so viele hundert Jahre von mineralischem Regen ausgespült worden, dass es inzwischen von einer feuchten Alabasterschicht bedeckt wird, als handele es sich um eine natürliche Tropfsteinhöhle. Wenn Londons viktorianische Abwasserleitungen überlaufen, was sie in diesen Tagen des Klimawandels immer häufiger tun, steht hier alles unter Wasser. Beim Gedanken daran unterdrückt Joe ein klaustrophobisches Schaudern.
    Ein klappriges Metallgerüst führt durch den Raum, in die tieferen Regionen des Eisenbahntunnels und dann unvermittelt zu einem uralten Warenaufzug, der nahe des Flussufers an der Oberfläche auftaucht: eine Schnellverbindung für die Schmuggler der Vergangenheit ebenso wie für ihre modernen Kollegen.
    Die gesamte Reise dauert weniger als eine halbe Stunde. Man könnte es mit dem Auto auf freier Straße schwerlich schneller schaffen.
    Der Hund heißt Bastion, und er kennt weder Scham noch Gnade. Jeder Hund, der seinen Namen zu Recht trägt, schnüffelt einem Neuankömmling im Schritt herum, aber Bastion hat seine knotige Schnauze nun fest in Joes Hose eingegraben und macht nicht die geringsten Anstalten, sie wieder zu entfernen. Joe rutscht leicht zur Seite, doch der Hund kommentiert dies mit einem warnenden Unmutslaut aus tiefster Brust: Ich habe meine Schnauze in unmittelbarer Nähe deiner Genitalien, o du Geselle, der du mit meiner Herrin beim Kaffee plauderst. Verscherze es dir nur ja nicht mit mir! Ich besitze nur einen Zahn, oh ja, denn die übrigen wurden vor langer Zeit schon ins Fleisch anderer Sünder geschlagen. Beachte meine Kiefer, den oberen wie den unteren, in ihrer rechtschaffenen, symmetrischen Armut. Bewege dich nicht, Mann der Uhren, und nimm dir ein Beispiel an meiner Herrin, denn sie wertschätzt mich, selbst in meinem hinfälligen, hohen Alter.
    Der Hund ist winzig, die geschrumpften Überreste eines Boxers, und als wäre sein erbärmlicher Gebisszustand nicht schon schlimm genug, fehlen ihm auch noch die Augäpfel. Beide wurden gegen blassrosa Glasaugen ersetzt, in denen sich Bastions leere Augenhöhlen zu brechen und zu reflektieren scheinen. Dieser Umstand verleiht dem Knurren eine unangenehme Ernsthaftigkeit, und so beschließt Joe, es dem Tier zu erlauben, weiterhin seine Leiste vollzusabbern.
    Bastions Besitzerin nennt sich Edie Banister, ist sehr klein und sehr drahtig und hat offenkundig noch einige Jahre mehr auf dem Buckel als das British Museum. Durch ihren silbernen Haarschopf hindurch ist an einigen Stellen die sommersprossige Kopfhaut zu sehen. Ihr Gesicht – stolze Augen und

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