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Der goldene Schwarm - Roman

Der goldene Schwarm - Roman

Titel: Der goldene Schwarm - Roman
Autoren: Knaus Verlag: Verlagsgruppe Random House GmbH
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Kriegserklärung übergegangen war, dringt jeden Morgen durch das Fenster ein, das Joe zu Lüftungszwecken einen Spaltbreit offen lässt, und klettert auf den weißen Zierrahmen der Küchentür, auf dem er dann balanciert. Wenn Joe darunter durchgeht, lässt sich der Parasit auf seine Schultern fallen, fährt die Krallen aus und gleitet ihm, in dem Versuch, ihn wie einen Apfel zu schälen, den Rücken hinunter. Da Joe, als dies zum ersten Mal passierte, nur ein Pyjamaoberteil trug, weist leider nicht nur der Ledermantel, sondern auch die Haut darunter Narben auf.
    Heute, da er den morgendlichen Guerillakrieg so langsam satthat – und in Anbetracht der Möglichkeit, dass er, auch wenn er zurzeit Single ist, ja eines Tages eine Frau hierher mitbringen könnte und sie wohl etwas dagegen hätte, von einem zornigen Katzentier massakriert zu werden, wenn sie gerade davontänzelt, um einen Tee aufzusetzen –, heute also hat sich Joe dazu entschlossen, die Konfrontation herbeizuführen. Spätnachts noch hat er eine dünne Vaselineschicht auf dem Türrahmen aufgetragen. Er versucht, nicht darüber nachzudenken, was es über einen Menschen aussagt, wenn der Mittelpunkt seines Lebens aus der Feindschaft mit einem Wesen besteht, das schätzungsweise über den Verstand und die emotionale Aufgewecktheit einer Milchflasche verfügt.
    Ah. Dieses Flüstern ist ein seidener Schwanz, der an dem Becherbaum mit bunt gemischtem Porzellan entlangstreicht. Dieses Knarren ist das lose Dielenbrett, dieses Patt-Patt ist das Tier, das von der Kommode springt … und dieser wutschnaubende Ton muss der Laut sein, den es von sich gibt, als es von der gegenüberliegenden Wand abprallt, nachdem es über den gesamten Vorsprung gerutscht ist, gefolgt von … ja. Ein würdeloser Bums, als es auf dem Boden auftrifft. Joe spaziert in die Küche. Der Parasit starrt ihn aus der Ecke heraus an, und seine Augen laufen über vor Auflehnung und Hass.
    »Primat«, erklärt Joe und wackelt mit den Händen. »Werkzeugnutzer. Opponierbare Daumen.«
    Der Parasit schaut ihn verächtlich an und stolziert hinaus.
    Da Joe somit den Sieg-über-die-Katze-Tag eingeweiht hat, versteht es sich in seiner Welt von selbst, dass er schon in Kürze von einem Hund von seinem Platz auf der Rangliste der Säugetiere verwiesen werden muss.
    Um zu seiner ersten Verabredung des Tages zu gelangen, wählt Joe Spork eine Abkürzung durch die Abwasserkanäle, das Revier der Tosher. Dies verstößt eigentlich gegen seine persönlichen Grundsätze. Normalerweise fährt er ganz bewusst mit dem Bus oder dem Zug, manchmal sogar mit dem Auto, denn die Tosher-Tunnel zu nehmen, ist ein Zugeständnis an Teile seines Lebens, mit denen er abgeschlossen hat.
    Nach wie vor bieten sie ihm jedoch ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, das sich für Joe auf den Straßen darüber nie wirklich einstellt. Man mag es seiner Kindheit anlasten, aber dunkle Gassen und verrauchte Räume beruhigen ihn mehr als Einkaufszentren und sonnenhelle Straßen. Doch selbst wenn Joe nicht entschlossen wäre, ein neues Leben zu führen, sind diese Zeiten vorbei. Viele der alten Mitstreiter sind früh gestorben. Der wohlgenährte Hofstaat von Gaunern, mit dem er aufwuchs, ist nur noch eine Erinnerung. Einige gibt es zwar immer noch, sie leben im Ruhestand, sind geläutert oder verbittert; aber viele der leutseligen Damen und Herren, auf deren Knien der junge Joe Spork einst saß und von denen er in die Geheimnisse Hunderter skandalöser Taten eingeweiht wurde, sind dahingewelkt oder verschieden.
    Derweil ist Vaughn Parry Englands neuestes Schreckgespenst, zumal erst kürzlich die Entdeckung weiterer seiner Opfer jede Menge Schlagzeilen in Tageszeitungen und Anzeigenblättchen hervorgebracht hat. Mehr noch als vor den islamistischen Extremisten mit ihren Rucksäcken und den Polizisten, die dem Klempner neunmal in den Kopf schießen, weil er auf diffuse Art nicht weiß ist, fürchtet sich jeder rechtschaffene Bürger davor, dass Parry kein Einzelfall ist; dass inmitten der beschaulichen Vorstädte noch mehr Killer mit Blut an den Händen lauern, die Fenster aufbrechen und nachts ins Zimmer schleichen, um einem die Kehle durchzuschneiden. Parry befindet sich zurzeit in Haft, wird in irgendeinem Hochsicherheitskrankenhaus unter der Aufsicht von Ärzten verwahrt, doch dem Land hat er einen Tiefschlag versetzt.
    Die Folge davon war ein Aufschrei der Mittelklasse nach massiveren Sicherheitsmaßnahmen sowie eine alles andere

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