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Der dunkle Grenzbezirk

Der dunkle Grenzbezirk

Titel: Der dunkle Grenzbezirk
Autoren: Eric Ambler
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meine Geschichte melodramatisch und ziemlich absurd erscheinen. Sie ist melodramatisch – die Wirklichkeit ist es oft – aber absurd ist sie nicht. Das sind die Tatsachen.«
    Er schwieg bedeutungsvoll und betrachtete seine Zigarre.
    »Ixanien«, fuhr er dann fort, »ist ein Staat mit nationalem Ehrgeiz. Vielleicht werden Sie sagen, daß das bei einem so unbedeutenden Flecken unproduktiven Landes Größenwahn ist. Das hängt ganz von Ihrer Anschauung ab. Ein Anhänger Rousseaus würde mit der ganzen Begeisterung seines sentimentalen Glaubens Ja sagen. Was mich betrifft, so neige ich eher zu Nietzsches Standpunkt. Doch sei dem wie es auch sei. Ixanien hat seit Jahren nach oben geschielt, zerfressen vom Neid des Schwachen auf den Starken. Und nun, als wären seine Gebete erhört worden, hat das Land ein Genie hervorgebracht. Seine Bauern nagen am Hungertuch, seine Bourgeoisie ist korrupt und seine Regierung taugt nichts. Aber durch eine Laune der Biologie oder des Schicksals oder beider ist das Unwahrscheinliche eingetreten.«
    Für einen Moment sah Simon Groom nachdenklich aus. Seine Zigarre schien ihn zu faszinieren. Das ungläubige Staunen war aus dem Gesicht des Professors gewichen. Er beugte sich vor.
    »Wer ist es?«
    Eine Rauchwolke kam aus Grooms Mund.
    »Man weiß sehr wenig über ihn«, antwortete er dann. »Seine Vorfahren sind unbekannt, wahrscheinlich zu recht. Er studierte in Zürich und an der Bonner Universität, niemand weiß, woher er die Mittel hatte. In Bonn war er brillant. Das Thema seiner Dissertation enthielt ein Problem, für das sogar seine Physikprofessoren keine Lösung wußten. Er kam mit einer Theorie, für die er dann auch Beweise lieferte, und hatte die Stirn, dafür einen Lehrstuhl für Physik zu verlangen. Von Bonn ging er nach Chicago, wo er sechs Jahre unter Professor Thomson arbeitete. Vor ungefähr drei Jahren verließ er Chicago – es soll irgendeinen Skandal gegeben haben – und kehrte nach Zovgorod zurück. Sein Name ist Kassen.«
    Der Professor ließ einen Ausruf des Erstaunens hören.
    »Kassen«, wiederholte er aufgeregt, »von dem Mann habe ich auch schon gehört.«
    »Das dachte ich mir«, sagte Groom. »Er hat im McTurk-Institut einiges Aufsehen erregt.«
    »Aber was hat Kassen denn mit Atombomben zu tun? Ich habe einmal in den Blättern der Gesellschaft für naturwissenschaftliche Forschung einen Aufsatz von ihm gelesen. Es war alles andere als eine aufsehenerregende Arbeit.«
    »Das glaube ich gern. Aber wie ich schon sagte, ist ihr Wissenschaftler ein Mensch wie alle anderen auch. Kassen wurde zweimal gedemütigt, einmal in Bonn, und dann noch einmal in Chicago. Und jetzt hat er, ob zu recht oder zu unrecht, einen Zorn auf die ganze Welt. Ich kenne das nachtragende Wesen der Ixanier und sein Verhalten überrascht mich keineswegs. Wie dem auch sei, auf jeden Fall wurde die Bombe fertiggestellt. Und vor etwas mehr als drei Wochen wurde sie getestet. Ein Vertreter von Cator & Bliss war dabei, incognito natürlich. Die Versuche fanden in den Bergen statt, etwa hundert Meilen nördlich von Zovgorod.
    Bukarest, das einige hundert Meilen von der Versuchsstelle entfernt ist, registrierte ein leichtes seismisches Beben. Eine kleine Kassensche Bombe, kaum größer, wie ich mir habe sagen lassen, als eine Handgranate, bewegte mehr als tausend Tonnen Felsgestein.«
    »Aber das ist ja entsetzlich«, keuchte der Professor, aber dann gewann die Vernunft wieder die Oberhand und stellte die Wahrheit des eben Gehörten in Frage, »und völlig unmöglich.«
    »Schrecklich, ganz gewiß«, pflichtete Groom bei, »aber unmöglich nicht. Wie Sie sicher wissen, verdankt gewöhnlicher Sprengstoff seine Wirkung der plötzlichen und gewaltigen Volumenvergrößerung. Trinitrotoluol zum Beispiel vergrößert, wenn es mit Knallquecksilber gezündet wird, sein Volumen in einem Sekundenbruchteil ungefähr 500000mal. Soweit ich die Sache verstanden habe, ist die Kassensche Bombe eine Erweiterung dieses Prinzips. Die Bombe beeinflußt bei der Detonation gewöhnliches Silikongestein oder Erde so, daß eine Veränderung der Atomstruktur eintritt, wobei riesige Mengen von inaktiven Gasen wie Nitrogen, Argon und Helium produziert werden. Mit andern Worten: Die Erde ist der Sprengstoff. Die Bombe Kassens ist bloß eine spezielle Art von Zünder.«
    Der Professor schwieg. Er schaute durchs Fenster in den Hotelgarten. Narzissen wiegten sich im sanften Wind. Es war eine milde, friedliche Stimmung an diesem

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