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Das verbotene Eden: Magda und Ben: Roman (German Edition)

Das verbotene Eden: Magda und Ben: Roman (German Edition)

Titel: Das verbotene Eden: Magda und Ben: Roman (German Edition)
Autoren: Thomas Thiemeyer
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Prolog
    2080, unterhalb der alten Stadt …
    D ie Finsternis drang wie Rauch aus den Tunneln. Das wenige Licht, das durch Risse und Spalten in der Decke fiel, reichte gerade aus, um ein kurzes Stück des Weges zu beleuchten. Silbriges Wasser tropfte aus Belüftungsschächten und landete platschend auf dem mit Müll und Unrat übersäten Boden.
    Mordra verlangsamte ihren Schritt, dann blieb sie stehen. Vor ihr war ein besonders großes Stück Beton aus der Decke gebrochen und auf dem Boden gelandet. Graues Tageslicht schien auf ein verbogenes Kinderspielzeug, ein Dreirad oder Roller. Der rote Lack war an vielen Stellen abgesplittert, und rostiges Eisen kam zum Vorschein. Wie lange es wohl schon hier lag? Ob jemals ein Kind damit gefahren war? Wer hatte das Spielzeug hier heruntergeschleppt und warum?
    Mordra versuchte, sich vorzustellen, wie der Roller wohl in den Händen eines Kindes ausgesehen haben mochte. Hatte er einem Jungen oder einem Mädchen gehört? Vielleicht einer kleinen Furie, so wie sie selbst eine gewesen war, kraftstrotzend, pausbäckig und mit abstehenden Zöpfen? Roller gab es auch in Glânmor, allerdings waren sie aus Holz und furchtbar teuer. Nur die Wohlhabenden konnten sich so etwas leisten. Sie selbst hatte nie so ein Spielzeug besessen, schon gar nicht aus Metall. Der Gedanke an die Abenteuer, die sie damit hätte bestehen können, zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Bewaffnet mit Knie- und Ellbogenschützern, wäre sie die Oststraße bis ans Ende gerannt und dann in einem Affenzahn den Hügel hinuntergebrettert. Vorbei am Stelkinghof, auf dem sie und ihre beiden Schwestern geboren und aufgewachsen waren, vorbei an den Gerbereien mit ihrem durchdringenden Gestank, vorbei am Schlachthof und an den lederverarbeitenden Betrieben bis hinunter zum See. Ein langer, schnurgerader Kilometer, ohne zu bremsen. Danach wäre sie vermutlich in hohem Bogen ins Wasser gesegelt. Vielleicht hätten aber auch ihre Schwestern versucht, sie aufzuhalten, doch Mordra war schon immer gut darin gewesen, Dinge, die ihr gehörten, zu verteidigen. So gesehen war es vielleicht besser, dass sie nie ein solches Spielzeug besessen hatte.
    Der Gedanke an ihre Familie ließ sie schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. Ihre Schwester Kendra war verschwunden, überwältigt und entführt von den Bleichen. Schrecklichen Kreaturen, die hier, unterhalb der alten Stadt, in den Schächten der U-Bahn und der Kanalisation hausten.
    Kendra war schlanker und sehniger als Mordra, aber mindestens ebenso tödlich. Eine Meisterin des Bogens, die ein Kaninchen auf eine Entfernung von fünfzig Metern erlegen konnte. Zu dumm, dass ihr diese Fähigkeiten hier unten nichts genutzt hatten.
    Mordra schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, wie naiv sie in dieses Abenteuer gestolpert waren. Ohne zu überlegen, nur beseelt von dem Gedanken, den Inquisitor zu töten, hatten sie die dunklen Schächte betreten und waren in Richtung Stadtzentrum vorgerückt. Selbst ihre Pferde hatten sie mitgenommen, ohne darüber nachzudenken, dass der Lärm vielleicht Feinde auf den Plan rufen konnte. Fünf stolze Brigantinnen, die sich selbst für unbesiegbar hielten. Aber Hochmut kommt vor dem Fall, hieß es nicht so?
    Bereits in der ersten Nacht hatten sie die Quittung für ihr leichtfertiges Verhalten erhalten. Der Angriff der Bleichen war heftig und unerwartet erfolgt. Diese Kreaturen konnten sich beinahe lautlos bewegen und waren überdies zäh und schnell. In dem darauffolgenden Kampf waren die Brigantinnen von Anfang an die Unterlegenen gewesen. Jetzt waren Mildred, Josepha und Gwen vermutlich tot, und Kendra war irgendwohin verschleppt worden. Dass es Mordra gelungen war zu überleben, grenzte schon fast an ein Wunder. Ein Pferd hatte sie getreten und sie aus dem Kreis der Angreifer hinausbefördert. Die furchtbare Prellung an ihrer linken Schulter schmerzte immer noch wie die Hölle. Sie war aus der Gefahrenzone in eine Ecke geschleudert worden und von dort aus weitergekrochen. Warum die Kreaturen von ihr abgelassen hatten, würde vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben. Hatten sie nicht mitbekommen, wie Mordra in den Abwasserkanal gefallen war? Vielleicht hatten sie auch geglaubt, sie sei tot, und daraufhin beschlossen, sich später mit ihr zu befassen.
    Einerlei.
    Die Ohnmacht hatte alles, was danach geschehen war, ausgelöscht und durch gnädiges Vergessen ersetzt. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie wieder erwacht war. Da

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