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Das Testament des Gunfighters

Das Testament des Gunfighters

Titel: Das Testament des Gunfighters
Autoren: Jack Slade
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Das Teil war aus Sperrholz und hatte ungefähr die Größe jener Behältnisse, in die Zigarren aus Übersee verpackt werden. Über Kreuz war eine dünne Hanfschnur herumgewickelt, mit einem winzigen Henkerknoten fixiert. An einigen Stellen war das Holz so porös wie ein alter Lumpen.
    Als Marjorie es in die Hand nahm, wich der Hund zurück und bellte aufgeregt. Er gebärdete sich, als wäre seine Herrin dabei, eine Todsünde zu begehen.
    »He, Carson!« Sie schüttelte den Kopf. »Wieso machst du so einen Krawall? Es ist nur ein Ding aus Holz. Völlig ungefährlich. Guck doch selbst!«
    Carson zog die Lefzen hoch und grollte leise.
    Marjorie kraulte ihm gutmütig den Nacken, aber es dauerte eine Weile, bis das Tier sich beruhigt hatte.
    Bis vor zwei Wochen war Marjorie ein heiß begehrtes Amüsiergirl in Tombstone gewesen. Sie war eine zierliche Frau mit leuchtend blauen Augen und einem sinnlichen Mund. Ihr langes Blondhaar trug sie zum Pferdeschwanz gebunden. Bekleidet war sie mit einer derben Cottonhose und einem Flanellhemd, wie sie die Cowboys auf der Range trugen.
    Schon lange hatte sich Marjorie mit dem Gedanken getragen, ihr lockeres Leben im Vergnügungsviertel der Boomstadt aufzugeben. Sie wollte sich mit dem ersparten Geld irgendwo in die Einöde zu verkriechen. Bei einem ausgedehnten Ritt durchs Cochise County hatte sie schließlich die verlassene Ranch entdeckt.
    Auf Anhieb hatte sie Gefallen an dem Anwesen gefunden und beschlossen, es zu kaufen. Die Formalitäten waren rasch erledigt. Marshal Hynde hatte sich ziemlich gewundert, dass eine Frau von Mitte zwanzig allein in die Wildnis ziehen wollte. Bei der Übergabe der Dokumente hatte er mit den Schultern gezuckt und »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich« gemurmelt.
    Jetzt war Marjorie Grant die neue Besitzerin der im Volksmund genannten BB-Ranch.
    Sie beendete Carsons Nackenmassage und widmete sich wieder ihrem Fund. Carson legte seinen Kopf auf die Vorderpfoten und beobachtete misstrauisch.
    Die dünnen Schnüre, die das Kästchen umschlossen, waren mürbe und zerschlissen. Im Nu waren sie durchtrennt.
    Marjorie ließ sie fallen und hob den Deckel.
    Ein ölgetränkter Lappen kam zum Vorschein. Er wurde von einer Klammer aus Draht fixiert.
    Als Marjorie sie aufbog, fiel eine vergilbte Fotografie auf die Erde. Das Bild zeigte einen Mann, der auf einem Pferd ritt. Er hielt seine rechte Hand erhoben, als wolle er auf etwas zeigen, das außerhalb des Bildes lag. Im Hintergrund erhob sich ein zerklüftetes Felsmassiv, das Marjorie an die Tafelberge in der Four Corners-Region von Utah erinnerte. Ganz unten rechts, am Rand der Fotografie, hatte jemand mit schwarzer Tinte die Initialen BB geschrieben.
    Die BB-Ranch , überlegte Marjorie, wenn ich mich nicht irre, hieß der letzte Besitzer Bram Boomer. Viele Leute aus Benson, Bisbee und Tombstone hatten den seltsamen Kauz Bram »Mysterious« Boomer genannt. Es hieß, er pflegte von Zeit zu Zeit Kontakt zu Spiritisten und Schamanen. Seine verschrobenen Anschauungen lösten unter seinen Mitmenschen nur herablassendes Kopfschütteln aus. Aber niemand wagte es, ihm zu nahe zu kommen. Boomer war ein Meister exzellenter Schütze und hatte schon so manchen Preis gewonnen.
    Marjorie faltete den Lappen auseinander. Außer dem Bildnis fand sich noch ein daumengroßer schwarzer Schmuckstein darin, ein Obsidian. Er hatte die Form eines Herzens, womöglich ein Talisman seines Besitzers.
    »Siehst du«, sagte Marjorie zu Carson, »eine Fotografie und ein Stein, und du hast dir fast in die Hosen gemacht vor Angst. Ein toller Hund bist du!«
    Sie musste lachen, als Carson seinen Blick hob und so tat, als interessiere er sich mächtig für einen Raubvogel, der in großer Höhe über der wüstenhaften Landschaft kreiste.
    Eine Weile überlegte Marjorie, was sie mit ihrem Fund anstellen sollte. Wieder zurücklegen oder mit nach Hause nehmen?
    Schließlich steckte sie den Stein in die Hosentasche, das Bild hingegen erregte ihre Aufmerksamkeit.
    Sie fragte sich, warum Bram Boomer oder wer auch immer sich die Mühe gemacht hatte, das Kästchen zu vergraben. So weit weg von dem Wohnhaus. Ein Bild und ein Stein. Im Grunde ganz banale Dinge. Solche Gegenstände lagen doch meistens in einer Schublade in der Wohnstube. Seltsam, wieso hatte man sie eine halbe Meile vom Haus entfernt verbuddelt?
    Marjorie drehte das Bild um und fand eine kurze Notiz auf der Rückseite.
    »Testa-T66.« Sie stutzte. »Hm, was zum Henker soll denn das

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