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Das Deutsche als Männersprache

Das Deutsche als Männersprache

Titel: Das Deutsche als Männersprache
Autoren: Luise F. Pusch
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Einleitung
Von der Linguistik zur Feministischen Linguistik Ein persönlicher Bericht

    In meinem Paß steht: »Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher .« Ich bin aber kein Deutscher. Hätte ich je in einem Deutschaufsatz geschrieben, ich sei »Deutscher«, so wäre mir das Maskulinum als Grammatikfehler angestrichen worden.
    Ich bin Deutsche. Es müßte also heißen: »Der Inhaber dieses Passes ist Deutsche .« Nein, das ist auch falsch. Zwar gilt es nicht als Fehler, wenn ich, obwohl weiblich, über mich sage: »Ich bin der Inhaber dieses Passes .« Genauso korrekt ist aber Inhaberin. Und zusammen mit Deutsche ist nur Inhaberin richtig: »Die Inhaberin dieses Passes ist Deutsche .«
    Im Paß meines Bruders steht derselbe Satz wie in meinem. Er hat sich nie daran gestört. Wieso sollte er auch? Der Satz ist ihm auf den Leib geschneidert. Aber wenn da stünde »Die Inhaberin dieses Passes ist Deutsche«, so wäre das nicht nur falsch, sondern eine Katastrophe. Die Paßbehörden würden sich vor Männerbeschwerden kaum retten können, denn welcher Mann läßt sich schon gern »Inhaberin« und »Deutsche« schimpfen?
    Weibliche Bezeichnungen sind für Männer genauso untragbar wie weibliche Kleidungsstücke. Und doppelter Papierkrieg ist für Behörden zu aufwendig, also werden uns Frauen die männlichen Bezeichnungen zugemutet. Es ist die einfachste Lösung. Frauen sind erstens geduldig, und zweitens sind männliche Bezeichnungen sowieso viel schöner und kürzer und praktischer und irgendwie edler und überhaupt allgemeiner.
    Ich bin Linguistin. Oder bin ich Linguist? Mal bin ich dies, mal jenes; ich habe mich längst daran gewöhnt. Eins aber steht fest: Meine Mutter war Sekretärin und nicht Sekretär. Sie hat den Sekretärinnenberuf ausgeübt und führt jetzt ein Rentnerdasein. Oder ist es ein Rentnerinnendasein? Schließlich führen Rentnerinnen ein ganz anderes Dasein als Rentner. — Meine Mutter ist vielleicht eine Ausnahme; sie ist Studentin der Philosophie — oder auch Student. Mal dies, mal jenes.
    Ich stelle fest: Meine Muttersprache ist für Männer bequem, klar und eindeutig. Das Reden über Männer ist völlig problemlos in dieser Männersprache. Schwierig, kompliziert und verwirrend ist nur das Reden über Frauen. Mutter Sprache ist auf meine Existenz etwa so gut vorbereitet wie Vater Staat auf die Existenz von Behinderten. Als »Problemgruppe« dürfen wir uns mit offenkundigen Behelfslösungen herumschlagen, die als »Grammatik« nicht weiter diskutiert werden. Denn schließlich: Wer wäre auch für Grammatik verantwortlich zu machen?
    Als Frau und Linguistin interessieren mich nun folgende Fragen:

    1. Wie kommt es, daß die deutsche Sprache so ist? War sie schon immer so? Welche Personen/Personenkreise/gesellschaftlichen Strömungen/geschichtlichen Ereignisse/didaktischen Maßnahmen/sprachregelnden Verordnungen usw. sind möglicherweise für ihren heutigen Zustand verantwortlich?
    2. Sind andere Sprachen auch so?
    3. Wieso sind weibliche Bezeichnungen für Männer untragbar, männliche Bezeichnungen für Frauen jedoch nicht?
    4. Welche anderen Bereiche der Sprache — außer den Personenbezeichnungen — sind noch männlich geprägt?
    5. Welche psychischen, kognitiven, gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen hat es für uns Frauen, daß unsere Muttersprache eine Fremdsprache ist?
    6. Welche psychischen, kognitiven, gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen hat es für Männer, daß ihre Muttersprache eine Vatersprache ist?
    7. Warum beschweren sich nicht mehr Frauen über die Frauenfeindlichkeit der deutschen Sprache? Warum gab es früher keine Diskussion über diesen Skandal?
    8. Was können wir tun? Wie können wir aus Männersprachen humane Sprachen machen?

    Die herkömmliche Sprachwissenschaft kann solche und ähnliche Fragen nicht beantworten, weil sie sie nicht stellt. Das ist auch kein Wunder, denn sie wird, wie jede Wissenschaft, überwiegend von Männern verwaltet. Und warum sollten Männer ohne Not einen Tatbestand als Problem erkennen und behandeln, der ihnen nur Vorteile bringt?
    Die männlich geprägte Linguistik hat es sogar vermocht, ihre Auffassung von Sprache auch in den Köpfen von Linguistinnen so fest zu verankern, daß nicht sie als Begründerinnen der Feministischen Linguistik * anzusehen sind, sondern frauenbewegte »Laiinnen«, Nichtlinguistinnen, deren allgemeines Unbehagen in der Herrenkultur die Herrensprache von Anfang an selbstverständlich mit

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