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Aufgeflogen - Roman

Aufgeflogen - Roman

Titel: Aufgeflogen - Roman
Autoren: dtv
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Klasse eingekehrt, als sie mit dem Direktor hereinkam. Sie blieben vor der Klasse stehen. Wir alle starrten sie an.
    Lange, lockige braune Haare, die sie zusammengebunden trug. Dunkle Augen. Nicht besonders groß. Zierlich. Jeans und Rollkragenpullover.
    Sie sah niemanden von uns an und blickte über unsere Köpfe hinweg zur hinteren Wand.
    Es war still, selbst Ben neben mir hörte auf mit dem Kaugummikauen.
    Nur ein paar Mädchen flüsterten noch, es klang wie ein Zischen. Sie spürten die veränderte Lage, die Konkurrenz. Sie bemerkten unsere Blicke. Wir Jungs glotzten alle, als hätten wir noch nie eine Frau gesehen. Ben auch. Selbst Albrecht, unser Mathelehrer, schien an etwas anderes als an Formeln zu denken.
    Warum die anderen so fasziniert waren? Keine Ahnung. Auf mich aber wirkte sie stark und verletzlich zugleich. Ich wollte sie beschützen und hatte doch das Gefühl, dass sie mich nicht brauchte.
     
    »Das ist Isabel«, sagte Mertens, unser Direktor. »Sie geht ab sofort in eure Klasse.«
    Dann wandte er sich Isabel zu: »Möchten Sie etwas sagen?«
    »Wo kann ich mich hinsetzen?«
    Vorläufig kriegte sie den Platz von Paula, die war krank. Morgen sollte der Hausmeister einen neuen Tisch samt Stuhl bringen.
    »Stört es Sie nicht, wenn Sie ganz hinten sitzen?«, fragte Albrecht besorgt.
    Isabel schüttelte den Kopf.
    »Mich schon«, brummte Ben und wir grinsten uns an. Wir sahen uns gemeinsam nach der Neuen um. Aber sie tat so, als könnte sie durch uns hindurchsehen. Sie holte Papier und Stift heraus und sah zur Tafel. Albrecht gab sein Bestes. Nie zuvor hatte er Mathematik so engagiert vermittelt.
    »Wetten?« Ben grinste mich an und kaute wieder auf seinem Kaugummi.
    Ich überlegte einen Moment. Ben spürte, dass mich irgendetwas zurückhielt.
    »Du kannst ruhig Ja sagen, ich gewinne sowieso«, sagte er.
    »Wette gilt.«
     
    Sophie, Carla, Paula und einige Mädchen aus anderen Klassen   – ihnen allen galten bislang unsere Wetten. Ben machte mehr den Draufgänger, den Coolen, Witzigen, Geistreichen. Die Mädchen standen auf ihn, den großen, flapsigen Kerl mit dem blonden Wuschelkopf.Ich musste mir eine andere Rolle aussuchen, wenn ich in meiner Durchschnittlichkeit überhaupt eine Chance haben wollte. Deshalb machte ich den Sensiblen. Zuhören, verstehen, nachdenklich wirken und dann doch im entscheidenden Moment nicht allzu schüchtern rüberkommen. Bens Bilanz war besser.
    »Sie mögen die sensiblen Typen nicht«, meinte er. »Das behaupten sie nur.«
    »Du siehst einfach besser aus«, konterte ich.
    Ben sah mich spöttisch an, ein bisschen von oben herab, immerhin war er ja zehn Zentimeter größer. Er fuhr mit seiner Hand durch meine glatten, braunen Haare.
    »Mir gefällst du«, sagte er und lachte. »Aber die Neue ist hübscher.«
    So was durfte nur Ben machen und sagen. Jedem anderen hätte die halbe Klasse »Schwul, oder was?« nachgerufen. Doch Ben war der Frauenheld, der Frauenkenner. Jetzt ging es also um Isabel.
    Auf die Wette hatte ich eigentlich keine Lust.
    Aber ich wollte kein Spielverderber sein.
    Wir waren Kumpel, das war wichtiger als jede Frau.
    Bisher.
     
    Ben schaltete gleich nach der Schule auf Angriff.
    »Hi, ich bin Ben.«
    Isabel nickte nur.
    »Woher kommst du?«
    »Kreuzberg«, antwortete sie und Ben lachte.
    »Aber woher kommst du wirklich?«
    »Vorher haben wir in Neukölln gewohnt.«
    Er verlor die Geduld, fühlte sich verarscht, wurde giftig.
    »Kannst du mir mal deinen Migrationshintergrund erklären?«
    »Geht dich zwar nichts an, aber bitte: Kolumbien.«
    »Wow, ziemlich gefährlich. Drogenmafia und so, oder?«
    Isabel musterte ihn mit einem ironischen Blick.
    »Stimmts nicht?« Ben, der Provokateur, fühlte sich provoziert.
    »Wenn du es sagst   …«
    Damit ließ sie ihn stehen.
     
    Ich freute mich. Ben war abgeblitzt. Als Isabel an mir vorbei zum Schultor hinausging, versuchte ich ein nettes Lächeln. Meine Spezialität. Aber sie sah mich nicht einmal an.
    »Harter Brocken.«
    Ben gab sich entspannt, doch ich sah, dass er sich ärgerte.
    »Aber ich krieg sie noch.«
     
    Die Schneeflocken bedeckten die wenigen Pflanzen, die meine Mutter auf der Dachterrasse gelassen hatte. Die anderen standen im Keller oder hier im Wohnzimmer,das nun aussah wie ein Wintergarten. Mom liebte Blumen, im Sommer sah es bei uns draußen aus wie im Paradies. Eine kleine Idylle mitten in Schöneberg. Die Idylle meiner Kindheit: Mama, Papa, Christoph.
    Ich sah aus dem Fenster, kniff

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